Kommentar: Darum gibt es trotz Rekordbeschäftigung einen Fachkräftemangel
Die Zahl der Beschäftigten und der geleisteten Arbeitsstunden haben im ersten Halbjahr 2023 ein neues Rekordniveau erreicht. Personalengpässe bestehen dennoch fort – und dies trotz der wirtschaftlichen Rezession und einer steigenden Arbeitslosigkeit.
Die öffentliche Debatte konzentriert sich auf den demografiebedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung, auf die zu geringe Zuwanderung von Fachkräften und auf Wünsche nach Arbeitszeitverkürzung, zum Beispiel die Vier-Tage-Woche.
Diese Punkte können angesichts von Rekordbeschäftigung und Rekordarbeitsvolumen jedoch nur zu einem kleinen Teil die aktuellen Personalengpässe erklären. Zu wenig wird über die Entwicklung der Produktivität und die Veränderungen beim Arbeitskräftebedarf in Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert.
Die Einführung neuer Technologien geht oft nur mit erhöhter Beschäftigung einher
Schon seit Längerem ist zu beobachten, dass die Beschäftigung in Deutschland auch bei niedrigem BIP-Wachstum steigt. Drei Faktoren tragen entscheidend dazu bei:
Erstens ist mit dem zunehmenden Fachkräftemangel schon seit Jahren ein ausgeprägtes Arbeitskräftehorten zu beobachten. Dies bedeutet, dass viele Unternehmen bei kurzfristig ungünstiger Geschäftsentwicklung bereit sind, die Beschäftigten zu halten, da sie wissen, dass qualifizierte Beschäftigte bei verbesserter Geschäftslage nur schwer zu gewinnen wären.
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Zweitens gibt es angesichts der raschen Transformation von Wirtschaft und Arbeitsmarkt sehr viele Bereiche, die einstellen möchten, um zukünftige Bedarfe zu decken, für die es absehbar eine Nachfrage gibt. Es zeigt sich, dass die Einführung neuer Technologien oft mit erhöhter Beschäftigung einhergeht. Dies betrifft auch IT-Unternehmen, die neue Technologien entwickeln und vermarkten.
Und drittens entwickelt sich die Beschäftigung tendenziell in Richtung produktivitätsschwächere Bereiche – mit personalintensiven Dienstleistungen. So ist in der Pflege, Erziehung und Gesundheit die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zwischen März 2015 und März 2023 um 21 Prozent angestiegen, während der Anstieg in allen anderen Fachgebieten mit zwölf Prozent deutlich geringer ausfiel.
Gründe für den steigenden Personalbedarf sind unter anderem die Alterung der Gesellschaft und die steigenden Kinderbetreuungsbedarfe von erwerbstätigen Eltern. Produktivitätssteigerungen sind hier nur begrenzt möglich.
Der Fachkräftemangel ist mittlerweile zum Wachstumshemmnis geworden
Neben den drei genannten Gründen gibt es weitere Wachstums- und Beschäftigungshemmnisse. Allgemein bekannt ist, dass die wirtschaftliche Dynamik – und damit die Produktivitätsentwicklung – durch Infrastrukturdefizite gebremst wird. Ein Wunsch nach Arbeitszeitverkürzungen verstärkt die Personalengpässe, wenn dies nicht mit entsprechenden Produktivitätsfortschritten einhergeht. Schließlich ist festzuhalten, dass oftmals die Qualifikationen von Arbeitslosen nicht zu den Tätigkeitsanforderungen bei offenen Stellen passen.
Im Umkehrschluss heißt dies, dass Personalengpässe selbst zum Wachstumshemmnis geworden sind – und zwar sowohl statisch, weil der Produktion die Beschäftigten fehlen, als auch dynamisch, weil wachstumsfördernde und produktivitätssteigernde Investitionen wegen Personalmangels nicht umgesetzt werden.
Aktuell sehen wir erst den Beginn der Problematik fehlender Arbeitskräfte und niedriger Produktivitätsentwicklung, da die Erwerbsbevölkerung bisher noch deutlich gewachsen ist. Erst im weiteren Verlauf der 2020er-Jahre wird die Erwerbsbevölkerung wohl trotz positiven Wanderungssaldos tatsächlich demografiebedingt zurückgehen.
Wenn sich die Produktivitätsentwicklung nicht schnell verbessert, steht Deutschland bald vor einem wesentlich massiveren Arbeitskräftemangel als derzeit. Eine besondere Herausforderung wird es sein, Arbeitsplätze mit Tätigkeiten in engem Personenkontakt in Präsenz und mit geringer Arbeitszeitsouveränität der Beschäftigten zu besetzen: Beispiele dafür sind die Gastronomie, Bäckereien oder Verkehrsbetriebe. Hier müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern, oder es muss einen Schub im Einsatz von Technologien geben, um Personalbedarfe zu mindern. Sonst wird es sehr schwer werden, deutliche Einschränkungen im Dienstleistungsangebot zu vermeiden.
Insbesondere, wenn es aufgrund von Personalengpässen bei der Kinderbetreuung und Pflege vermehrt zu Einschränkungen kommt, verstärken sich die Personalengpässe an anderen Stellen nochmals – weil nämlich viele Erwerbspersonen ihre Kinder selbst betreuen oder Angehörige pflegen müssen. Wir befinden uns dann in einem sich selbst verstärkenden Strudel, und der Arbeitskräftemangel wird uns noch stärker einschränken als bisher.
Der Autor:
Bernd Fitzenberger ist Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Erstpublikation: 26.12.2023, 19:36 Uhr.