Prüfers Kolumne: Es gibt eine neue Königsdisziplin des Geistes
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattEs gibt offenbar eine psychische Fähigkeit, die heute als besonders wichtig erachtet wird. Jedes Jahrzehnt hat da seine seelische Topdisziplin. Das war zum Beispiel in den 1980er-Jahren die Dominanz. Man verehrte Alphamännchen und -weibchen, die rücksichtslos ihre Interessen durchsetzten und aus dem Weg räumten, wer ihnen nicht passte.
In den 1990er-Jahren war es dann die sogenannte Extraversion, die Fähigkeit also, sich in jeder Situation in den Mittelpunkt zu stellen, irgendwie jedem zu gefallen und einfach immer in einer Menge zu baden. Die 2000er waren das Jahrzehnt, in dem die Kreativität hochgehalten wurde und immerzu alles neu erfunden werden sollte.
In den 2010ern geriet die Empathie zum Star der psychologischen Eigenschaften. Ein guter Mensch war, wer sich in andere hineindenken konnte, ein perfekter Vermittler war und Verständnis für alle noch so verzweigten Problemlagen aufbrachte.
Nun gibt es eine neue Königsdisziplin des Geistes: die Resilienz. Resilient sein bedeutet, dass einem eigentlich alles, was einem so passiert, nichts anhaben kann und man unbeschadet durch schwerste Krisen hindurchtaucht. Dass es so etwas wie Resilienz gibt, das weiß die Forschung erst seit etwa 60 Jahren.
In Pandemiezeiten ist Resilienz natürlich etwas Schönes. Sie wird als das psychische Immunsystem gesehen. Resiliente Menschen nutzen den Lockdown dafür, ein bisschen ihr Französisch aufzubessern, oder freuen sich, wenn sie endlich dazu kommen, den ganzen Thomas Mann noch einmal zu lesen.
In der „Welt am Sonntag“ habe ich nun sogar von einem Resilienz-Training gelesen. Man soll sein psychisches Immunsystem fit machen, um es auf die nächste Krise vorzubereiten. Laut Klaus Lieb, dem Direktor des Leipziger Instituts für Resilienzforschung, trainiert man das, indem man körperlich aktiv bleibt, wenig Alkohol trinkt, ein soziales Netzwerk pflegt und aus kleinen Krisen für die großen Krisen lernt.
Außerdem ist der resiliente Mensch fähig, sich mit Frustrationen abzufinden. Er setzt sich gar nicht erst unter Druck, Großes zu erreichen, sondern weiß auch das kleine Glück zu schätzen.
Der resiliente Mensch ist also der, der auf Instagram postet, wenn er einen leckeren Kaffee trinkt, der auch etwas so Banales wie einen Regenbogen fantastisch findet und alle daran teilhaben lässt, dass er gerade einen perfekten Tag verlebt, wenn er eigentlich nur auf dem Balkon sitzt. Er ist also für alle Nicht-Resilienten schwer zu ertragen. Und das lässt mich persönlich hoffen, dass wir dieses Jahrzehnt zügig hinter uns bringen.