Gastkommentar: Weiß Europa, was es in Afrika will?
Faten Aggad ist leitende Beraterin für Klimadiplomatie und Geopolitik der African Climate Foundation (ACF).
Foto: Laif, PR„Das neue Europa möchte ein Partner für Afrika sein“, erklärte Herman Van Rompuy, der damalige Präsident des Europäischen Rates, im Februar 2014. „Es gibt keine Nostalgie mehr, was die Vergangenheit betrifft. Wir haben keine geopolitischen Ambitionen. Wir haben gemeinsame Interessen und gemeinsame Werte.“
Zu behaupten, Europa habe keine geopolitischen Ambitionen in Afrika, wirkt seltsam. Zum Kontext: Van Rompuy hielt die Rede vor dem malischen Parlament – als Frankreich gerade seine Militäroperation Serval zur Unterstützung der malischen Streitkräfte beendete und die Nachfolgemission Barkhane startete.
Die Rede muss auch vor dem Hintergrund der Intervention der Nato in Libyen 2011 sowie der großen europäischen Anstrengungen, die Migrationsströme aus Afrika zu stoppen, bewertet werden.
Selbstverständlich verbergen sich hinter der europäischen Charmeoffensive, für die Van Rompuys Rede stand, geopolitische Interessen. Denn es ist die Wahrnehmung globaler Machtverschiebungen einerseits und der Wunsch nach Erhaltung der europäischen Einflusssphäre andererseits, die in Europa ein erneutes und anders gelagertes Interesse an Afrika ausgelöst haben.
Europa scheint sich über eines im Klaren zu sein: Es gilt, in Afrika Einfluss zurückzugewinnen. Was man damit genau erreichen will, bleibt unklar. Europa muss sich in Afrika mit einer neuen Realität auseinandersetzen. Wenig überraschend ist das herkömmliche Modell europäischer Einflussnahme mit den Interessen der meisten Akteure in Afrika heute nicht mehr vereinbar.
Was will Europa?
Die jüngsten Krisen haben gezeigt, dass die gemeinsamen Interessen weitaus begrenzter sind, als es die europäischen Staats- und Regierungschefs gerne suggerieren. Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Afrikaner wollen Mobilität. Europa will sie einschränken.
Europa muss sich in Afrika mit einer neuen Realität auseinandersetzen, meint Aggad.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesAfrika will sich industrialisieren. Europa will nur Rohstoffe aus Afrika; auf die Einfuhr verarbeiteter Waren erhebt es Zölle. Viele Afrikaner wünschen sich eine neue politische Führung. Europa bevorzugt „Stabilität“ unter ihnen nahestehenden Politikern.
Aber es war der Krieg in der Ukraine, der die Beziehungen zwischen Europa und Afrika endgültig abkühlte. Diesmal waren es die Europäer, die sich von Afrika „verraten“ fühlten, als sich der Kontinent nicht geschlossen der westlichen Isolationspolitik gegenüber Russland anschließen wollte.
Viele in Europa haben dabei nicht verstanden, dass es in Afrika durchaus eine allgemeine Kritik am russischen Angriff auf die Ukraine gibt, dass aber mehrere Faktoren eine Rolle spielen.
Dazu zählen nicht nur die Beziehungen der afrikanischen Länder zu Russland, sondern auch ihre Wahrnehmung der Ursachen für den Krieg sowie seiner Bedeutung für die europäische Souveränität und die möglichen Auswirkungen auf Afrika, zum Beispiel durch Stellvertreterkriege und den Einfluss von Söldnergruppen.
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Der Disput zwischen den beiden Kontinenten bezüglich des Ukrainekriegs hätte wahrscheinlich vermieden werden können, wenn Europa eine klarere Vorstellung gehabt hätte, wie seine Beziehungen zu Afrika in einer neuen globalen Ordnung aussehen sollten – und welche Rolle es selbst darin spielen will.
Denn Europa scheint sich nicht im Klaren darüber zu sein, ob es wirklich eine „strategische Autonomie“ anstrebt, eigene Allianzen aufbauen und damit ein geopolitisches Gegengewicht zu anderen Großmächten schaffen will.
Es war der Ukrainekrieg, der die Beziehungen zwischen Europa und Afrika endgültig abkühlte, meint Aggad.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSDabei liegt Afrika als Partner buchstäblich nahe. Das transatlantische Bündnis schwächelt. Auch ein neues Bündnis mit China ist schwer vorstellbar. Ein Alleingang Europas ist angesichts seiner Abhängigkeiten und demografischen Entwicklung kaum denkbar. Und auch Afrika sucht nach neuen Allianzen, die seinen Einfluss in einer neuen Weltordnung stärken würden.
Es braucht ein europäisch-afrikanisches Bündnis für „gegenseitigen Wohlstand“. Um in einer dekarbonisierten Welt ein relevanter Wirtschaftsakteur zu bleiben, benötigt Europa Arbeitskräfte, sichere Lieferketten, erneuerbare Energien und größere Absatzmärkte.
In den vergangenen Jahren hat China seine Präsenz auf dem Kontinent massiv ausgebaut.
Foto: IMAGO/ITAR-TASSAfrika möchte seinen wirtschaftlichen Einfluss ausbauen. Dafür ist es auf faire Investitionsbedingungen und Zugang zu Technologien angewiesen sowie auf Partnerschaften, die nicht nur auf die Gewinnung von Rohstoffen ausgerichtet sind, sondern auch der Bevölkerung zugutekommen.
Damit ein solches Bündnis gelingt, muss Europa drei Dinge verstehen. Erstens: „Gegenseitiger Wohlstand“ bedeutet nicht, dass eine Partei sich der anderen unwürdig unterwerfen muss. Zweitens: Taten – nicht Worte – schaffen Glaubwürdigkeit.
Drittens, und wahrscheinlich am wichtigsten: Die junge Generation von Afrikanerinnen und Afrikanern muss die Welt als Raum voller Möglichkeiten kennenlernen, die ihr nicht versperrt sind, sondern die sie ergreifen kann – ganz egal, wo sie herkommt. Europa muss sich seinen Platz in den Träumen dieser jungen Menschen verdienen.
Die Autorin:
Faten Aggad ist leitende Beraterin für Klimadiplomatie und Geopolitik der African Climate Foundation (ACF).