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Gastkommentar – Homo oeconomicus Die gefährliche Geschichtsverdrehung des Hans-Werner Sinn

Der bekannte Ökonom führt Hitlers Machtergreifung fälschlicherweise auf die Hyperinflation zehn Jahre vorher zurück. Das führt zu verfehlten Politikempfehlungen.
17.12.2020 - 13:14 Uhr 10 Kommentare
Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).
Der Autor

Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Mit Hans-Werner Sinn befeuert einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen in der Diskussion um die finanzielle Bewältigung der Coronakrise ein hartnäckiges deutsches Missverständnis: In einem Interview mit der „NZZ“ verbindet er die Tatsache, dass die Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik den deutschen Mittelstand verarmen ließ, mit der scheinbaren Folge: „Zehn Jahre später haben sie Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt.“

Sinn nährt eine verbreitete Fehlinterpretation der Wirtschaftsgeschichte. Die Massenarmut zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nazis im Jahr 1933 resultierte nicht aus der Hyperinflation, deren Ende damals tatsächlich schon zehn Jahre zurücklag; sie war vor allem eine Folge der Massenarbeitslosigkeit durch die tiefe Rezession in den Dreißigerjahren.

Die Nationalsozialisten waren nach Jahren der Deflation – also sinkenden Preisen – an die Macht gekommen, wie aktuelle wirtschaftshistorische Forschung bestätigt.

Reichskanzler Brüning erwirkte ab 1930 mit Notfalldekreten Steuererhöhungen und drastische staatliche Ausgabenkürzungen, die das soziale Sicherungsnetz durchlöcherten. Die Austeritätspolitik erhöhte die Arbeitslosigkeit, verschlimmerte das soziale Leid und trug zu politischen Unruhen bei. Hitler erkannte spätestens Ende des Jahres 1931, dass Brünings Sparpolitik seiner Partei „zum Sieg verhelfen und somit die Illusionen des gegenwärtigen Systems beenden“ werde.

Die Analyse von Daten aus vier Wahlen zwischen 1930 und 1933 zeigt tatsächlich, dass Wählerinnen und Wähler in Gebieten, die stärker von den Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen betroffen waren, den Nationalsozialisten deutlich mehr Stimmen gaben und so Hitler zum Sieg verhalfen.

Sinn vermischt Armut mit der Hyperinflation

Hans-Werner Sinn fordert mit Rückgriff auf seine Fehlinterpretation der Wirtschaftsgeschichte, es brauche nach Corona „engere Budgetbeschränkungen“, um Hyperinflation zu verhindern. Dass Sinn einem raschen Schwenk zur Sparpolitik das Wort redet, um nach Corona einen Rechtsruck zu verhindern, ist angesichts der direkten Verbindung zwischen den negativen Auswirkungen der Austeritätspolitik Anfang der Dreißigerjahre und der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine gefährliche Verdrehung.

Eine repräsentative Umfrage von Haffert, Redeker und Rommel zeigt, dass nur einer von 25 Deutschen heute noch weiß, dass die damalige Krise durch Deflation geprägt war. Fast die Hälfte der Befragten vermischt – wie Hans-Werner Sinn – die Massenarbeitslosigkeit und Armut der frühen Dreißigerjahre mit der Hyperinflation zehn Jahre vorher. Diese Fehlvorstellung ist bei gut gebildeten und politisch interessierten Deutschen übrigens wesentlich häufiger vorhanden.

Falsche Interpretationen der Geschichte können folgenschwer sein, wenn sie die Wirtschaftspolitik auf das falsche Gleis führen. Um das zu verhindern, dürfen prominente Ökonomen nicht unwidersprochen bleiben, wenn sie derartige gefährliche Missverständnisse befeuern.
Der Autor Philipp Heimberger ist Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche und am Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft, Linz.

Mehr: Lesen Sie hier ein Interview mit Hans-Werner Sinn im Handelsblatt: „Die Politik verliert das Maß“

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10 Kommentare zu "Gastkommentar – Homo oeconomicus: Die gefährliche Geschichtsverdrehung des Hans-Werner Sinn"

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  • @ Jens Machoy

    1. Murray Newton Rothbard: The Case Against The Fed

    2. G. Edward Griffin: The Creature From Jekyll Island

    3. Bill Still: The Money Masters (-> YouTube)


  • Ich stimme zu. Herr Sinn zeigt sich auch in naturwissenschaftlichen Analysen sehr träge. So hat er zwar in seinen Vorlesungen den menschen gemachten Klimawandel nicht geleugnet aber aus meiner Sicht die Energiewende eher behindert in dem er oft den Eindruck hinterlassen hat, dass sie unbezahlbar ist. Dabei sollten wir endlich verstehen, dass wir im Zeitalter von Fiat Money Geld schon herbeizaubern können...eine gesunde, lebenswerte Umwelt aber nicht.

  • Ich empfehle "Lords of Finance" von Liaquat Ahamed.

  • Es ist richtig, dass die Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre nicht direkt zur Machtergreifung Hitlers führte, sondern die Weltwirtschaftskrise 10 Jare später. Dennoch führten die Folgen der für viele völig überraschenden Inflation (Entwertung monetärer Vermögenswerte) zu einer starken Entfremdung großer bürgerlicher Kreise von der Weimarer Republk, weil man das Kaiserreich mit stabilem Geldwert und die Republik mit Inflation assoziierte. Diese Kreise unterstützen stark die DNVP, die unter ihrem Parteichef Hugenberg zum Steigbügelhalter Hitlers wurde.

  • - Nachtrag -

    Da die Bereinigungskrise nicht zugelassen wird (und das seit mehreren Jahrzehnten), sondern immer wieder "reflationiert" wird - und das mit immer irrsinnigeren Summen - sind Sie, ich und wir alle "Versuchskaninchen" eines wahrhaft einmaligen "Experimentes": Wie weit kann man eine Blase aufpumpen?
    Wer erhält nun durch das "Aufpumpen" bzw. die Inflationierung der Geldmenge immer mehr Macht? Die "Herren des Geldes", weil diese aufgrund des Cantillon-Effektes die "Erstbezieher" des neu geschaffenen Geldes sind. Diese können sich dann im wahrsten Sinne des Wortes "die Welt" kaufen - und selbstverständlich z.B. auch Politiker, da eigentliche Macht immer zwingende, hoheitliche Macht ist, und diese kann ein Geld-Oligarch nur mit Hilfe der Politik ausüben. Das nennt man dann Korporatismus (siehe insbesondere USA), und hat mit Kapitalismus nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.

  • Sowohl Sie als auch Professor Sinn täuschen sich in einem ganz entscheidenden Punkt:
    Was war nämlich die eigentliche URSACHE für die Große Depression bzw. die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren??
    Es war die KÜNSTLICHE KREDITEXPANSION , die einen KÜNSTLICHEN WIRTSCHAFTSBOOM auslöste - und diesem BOOM musste zwangsläufig der BUST mit der Bereinigungskrise folgen:
    "Der spektakuläre Börsencrash von 1929 ereignete sich nach einer Fünfjahresperiode bedenkenloser Kreditexpansion des Fed (...) Nach einem deutlichen Einbruch der US-Wirtschaft im Jahre 1924 schufen die Banken des Fed-Systems um die 500 Millionen Dollar an neuen Krediten [eine geradezu lächerliche Summe im Vergleich zu heute; erkennen Sie den Kaufkraftverlust des USD seit damals?; der Kommentator], welche im Gesamtbankensystem eine Kreditexpansion von über 4 Milliarden Dollar innerhalb weniger Monate auslöste. (...) 1927 trat das Fed-System eine weitere Inflation los; mit dem Ergebnis, dass die umlaufende Geldmenge (Bargeld plus Sicht- und Kurzfristeinlagen der Banken) zwischen Mitte 1924 und 1929 von 44,5 Milliarden US-$ auf über 55 Milliarden US-$ stiegen. Das Volumen des Hauptsektors der Hypotheken explodierte von knapp 17 Milliarden US-$ 1921 auf über 27 Milliarden US-$ 1929. Ähnliche Aufblähungen traten bei der Verschuldung der Industrie, des Finazsektors und der Regierungen auf Bundes- und Landesebene auf. Diese Ausweitung des Geldes und Kredites war begleitet von rapide steigenden Immobilien- und Aktienpreisen. So explodierten z.B. die Kurse der Eisenbahnaktien zwischen 1922 und September 1929 von 189 Indexpunkten auf 446 (...) Das machte den nachfolgenden Crash vom Oktober 1929 unvermeidlich. Inflation und Kreditexpansion bewirken immer Fehlanpassungen und Fehlinvestitionen in der Wirtschaft, die später wieder bereinigt werden müssen." (Roland Baader: Geldsozialismus, Gräfelfing 2010, S. 70ff.)
    Kommt Ihnen irgendetwas an der heutigen Situation bekannt vor, Herr Heimberger?

  • Ich bin erfreut, dass diese Zusammenhänge, die immer so einfach verknüpft werden, etwas genauer diskutiert werden. Wer in seiner Jugend vor mehr als 90 Jahren gelebt hat, der hat Menschen gekannt, für die die Entwicklung in den Nationalsozialismus hinein nicht so schicksalshaft war.

  • Auch die wirtschaftliche Ausdünnung des Mittelstandes, Unternehmen wie auch Menschen, fördert radikale Kräfte - rechts und links. Ob das mit Inflation oder Deflation etwas zu tun hat, halte ich für reine Kaffeesatz Leserei!
    Problematisch ist eine Ausgabenkürzung bei sozialen Aufgaben bei gleichzeitige Steuererhöhung - da wird das Volk ausgepresst.
    Klientelpolitik mit deren Überförderung und gleichzeitiger Schlechterstellung von politisch Ungewollten erscheint mir das aktuelle große Problem zu sein.

  • Interessant. Wenngleich der grundsätzliche Zusammenhang Inflation bringt Armut, Armut bringen Nazis ja trotzdem bestehen bleibt.

  • Sehr richtig

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