Asia Techonomics: Chinas WeChat-Nutzern droht der „digitale Tod“ nach dem Teilen von Protestbildern
Dank Künstlicher Intelligenz kann der Social-Media-Riese und App-Betreiber Tencent Bilder und Textnachrichten in Echtzeit automatisch zensieren.
Foto: imago images/Kyodo NewsPeking. In China „lebt man praktisch auf WeChat“, schwärmte Tesla-Gründer Elon Musk jüngst. Ausnahmsweise hat der schillernde US-Milliardär damit mehr als Recht: Ohne WeChat ist man in China digital nicht gesellschaftsfähig. Doch gerade in der Volksrepublik zeigt sich, wie gefährlich das Potenzial für Machtmissbrauch bei den sogenannten Super-Apps ist.
Kurz vor dem Kongress der mit eiserner Faust herrschenden Kommunistischen Partei (KP) hatte ein äußerst seltener öffentlicher Protest gegen Staats- und Parteichef Xi Jinping für Aufsehen gesorgt. Auf riesigen weißen Transparenten an einer Brücke im Pekinger Universitätsviertel wurde in blutroten Buchstaben der Sturz des „Diktators“ gefordert. Dort war zu lesen:
„Wir wollen Essen, keine PCR-Tests.
Wir wollen Reformen, keine Kulturrevolution.
Wir wollen Freiheit, keine Lockdowns.
Wir wollen Wahlen, keinen Führer.
Wir wollen Würde, keine Lügen.
Wir sind Bürger, keine Sklaven.“
Und:
„Studenten und Arbeiter streikt! Nieder mit Diktator und Landesverräter Xi Jinping“
Nutzern der chinesischen Super-App WeChat droht nach dem Teilen von Protestbildern der „digitale Tod“.
Foto: VIA REUTERSBilder der Aktion verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Medien. Die sonst allgegenwärtigen Zensoren waren kurzzeitig überrumpelt.
Dann schlugen Chinas Sicherheitsbehörden offline wie online zu. Der mutmaßliche Demonstrant wurde abgeführt, die digitalen Spuren der konterrevolutionären Parolen im ganzen Land eiligst eliminiert. Bilder wurden gelöscht, selbst das Teilen in privaten Chats unterbunden.
„Digitaler Tod“ nach kritischen Posts
Damit nicht genug: Tausende Nutzer erhielten beim Öffnen der App die Nachricht, dass ihr WeChat-Konto vorübergehend, teilweise sogar komplett gesperrt ist. Letzteres komme dem „digitalen Tod“ gleich, klagten Betroffene.
Denn WeChat, das auf Chinesisch Weixin heißt, ist das Sesam-öffne-Dich für den chinesischen Alltag. Wer seinen Zugang verliert, ist mehr als stark eingeschränkt. Nicht nur, weil sowohl privat als auch beruflich fast ausschließlich über die App kommuniziert wird. Statt E-Mails werden WeChat-Nachrichten versendet. Viele der 1,3 Milliarden Nutzer haben weder Handynummer noch Mailadresse von Freunden oder Arbeitskollegen.
In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.
Foto: Klawe RzeczyHinzu kommt die omnipräsente Bezahlfunktion WeChat Pay. Wer im Land bar bezahlen will, wird oft mit einer Mischung aus Mitleid und Argwohn beäugt. Zahllose weitere Miniprogramme, die innerhalb der WeChat-App installiert werden, sind absolut unverzichtbar. Am offensichtlichsten ist das derzeit bei der Gesundheitsapp, ohne die es praktisch nirgendwo mehr Einlass gibt: nicht im Supermarkt, nicht in der U-Bahn, noch nicht einmal im eigenen Wohnblock.
Daneben bucht man über die Miniprogramme unter anderem PCR-Tests, bestellt im Restaurant, erledigt Behördengänge oder registriert sich für Pressekonferenzen zum Parteikongress.
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Wer die App kontrolliert, weiß fast alles über deren Nutzer. Doch statt einem digitalen Sesam-öffne-Dich kann sie schnell zum ganz realen Käfig werden. Dank künstlicher Intelligenz kann der Social-Media-Riese und App-Betreiber Tencent Bilder und Textnachrichten in Echtzeit automatisch zensieren. Daten, selbst biometrische Informationen, werden mit den Sicherheitsbehörden geteilt.
Verzweifelte Nutzer üben Selbstkritik
Wie sehr die gesperrten Nutzer leiden, zeigen verzweifelte Selbstkritiken, gerichtet an den Tencent-Kundenservice. Er sei sich seines Fehlers zutiefst bewusst, schreibt einer öffentlich einsehbar und gelobt WeChat künftig nur noch zu nutzen, um „positive Energie zu verbreiten“.
Nichtsdestotrotz ist WeChat für Elon Musk eigener Aussage zufolge eine Blaupause dessen, was er mit Twitter nach der Übernahme vorhat. Umso mehr sollte man im Westen die Super-App-Pläne des umstrittenen Unternehmers kritisch verfolgen. Denn Konzentration von Datenmacht eröffnet ein enormes Missbrauchspotenzial – auch in Demokratien.
In der Kolumne Asia Techonomics kommentieren Nicole Bastian, Sabine Gusbeth, Dana Heide, Martin Kölling und Mathias Peer im Wechsel Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.