Asia Techonomics: Jede Woche ein neues Einhorn – So rasant eilt Indiens Start-up-Szene der Konkurrenz davon
In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.
Foto: Klawe RzeczyBangkok. In Indiens Start-up-Szene geht es gerade Schlag auf Schlag: Stand Mittwoch lautet die entscheidende Zahl 29. So viele sogenannte Einhörner – also Start-ups mit einem Marktwert von mehr als einer Milliarde Dollar – brachte die boomende Digitalwirtschaft des Landes seit Anfang Januar hervor. Anfang August lag dieser Wert noch um ein Drittel tiefer.
Das jüngste Mitglied sicherte sich am Dienstag einen Platz in dem Milliardenklub: Licious, ein E-Commerce-Anbieter aus Bangalore, der sich auf Fleisch und Meeresfrüchte spezialisiert hat und in diesem Geschäftsjahr einen Umsatz von umgerechnet mehr als 170 Millionen Euro erwartet.
Kurz davor hatten auf dem Subkontinent eine Nachhilfeplattform, mit der Kinder unter anderem Programmieren lernen, ein Onlinemarktplatz für mittelständische Industriebetriebe sowie eine Karriere-App für Arbeiter und Handwerker die Milliarden-Dollar-Bewertungsgrenze überschritten. Letztere schaffte das sogar in Rekordgeschwindigkeit: Vom Debüt in den App-Stores bis zum Einhorn-Titel dauerte es lediglich 15 Monate.
Rasant ist die Entwicklung aber nicht nur bei einzelnen Unternehmen, sondern in Indiens gesamtem Start-up-Ökosystem: Noch vor wenigen Jahren erschien die Bezeichnung Einhorn für die Überflieger-Start-ups tatsächlich passend: Sie machten sich so rar wie das Fabelwesen aus der Märchenwelt.
Zwischen 2011 und 2018 bekam Indien im Schnitt jedes Jahr nur ein einziges neues Einhorn zu sehen. In diesem Jahr hat sich die Reproduktionszeit nun massiv verkürzt. Seit dem Sommer gibt es jede Woche ein neues Exemplar. Das einst seltene mystische Tier tritt in Indien inzwischen rudelweise auf.
Indien boxt weit oberhalb seiner Gewichtsklasse
Mit einer Gesamtzahl von rund 70 Einhörnern liegt Indien nur noch hinter den USA und China, die jeweils auf mehrere Hundert Milliarden-Start-ups kommen. Dass die beiden wirtschaftlich bedeutendsten Länder der Welt vorn liegen, ist nicht weiter überraschend. Dass Indien aber weit größere Volkswirtschaften wie Japan, Deutschland und Großbritannien abhängen kann, ist schon erstaunlicher. Zum Vergleich: Der Marktforscher CB Insights kommt auf lediglich 19 deutsche Einhörner.
Es gibt zwei wesentliche Gründe, weshalb die Start-up-Szene des Subkontinents so erfolgreich ist: Erstens ist das Angebot an talentierten Gründerinnen und Gründern in dem 1,3 Milliarden Einwohner großen Land enorm. Angesichts der Goldgräberstimmung in der indischen Internetwirtschaft, die sich spätestens mit den hartnäckigen Kämpfen von Flipkart und Ola gegen ihre US-Konkurrenten Amazon und Uber in den vergangenen Jahren breitgemacht hatte, entscheiden sich immer mehr junge Inderinnen und Inder für das eigene Start-up statt für eine Konzernkarriere. Größtes Vorbild dieser Generation ist Ritesh Agarwal, der bereits als 19-Jähriger sein Hotel-Start-up Oyo gründete, das ihn inzwischen zum zweitjüngsten Selfmade-Milliardär der Welt gemacht hat.
Zweitens befeuert die hohe Nachfrage globaler Technologieinvestoren nach neuen Hoffnungsträgern diese Erfolgsgeschichten: In diesem Jahr steckten Risikokapitalgeber bereits mehr als 20 Milliarden US-Dollar in indische Start-ups, mehr als doppelt so viel wie im gesamten vergangenen Jahr.
Das gestiegene Interesse liegt nicht nur daran, dass westliche Investoren China wegen dessen unberechenbarer Regulierung zunehmend meiden und Indien nun als erstbeste Alternative für ihr Schwellenlandengagement sehen. Mit seinen mehr als 600 Millionen Internetnutzern, deren Zahl bis 2025 Studien zufolge auf fast eine Milliarde steigen dürfte, ist Indien ganz von sich aus dafür prädestiniert, das digitale Zeitalter entscheidend zu prägen – das haben auch die Investoren aus dem Silicon Valley erkannt.
Für die deutsche Start-up-Szene bedeutet das: Wenn sie bei der Einhornjagd aufholen möchte, wird ihr das auch mit den besten Ideen nicht gelingen, solange sie sich damit primär an Kunden in der Heimat richtet. Wer an die Weltspitze will, muss auch einem Milliardenvolk etwas zu bieten haben.