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BeschäftigungSind wir tatsächlich Freizeit-Europameister?

Die Lebensarbeitszeit liegt bei uns weit über dem EU-Mittel. Damit die Deutschen aber noch mehr arbeiten, muss die Politik Anreize schaffen – und sollte auf Moralpredigten verzichten.Thomas Hanke 31.07.2025 - 13:46 Uhr Artikel anhören
IT-Expertin: Die Teilzeitquote der deutschen Frauen ist hoch. Foto: E+/Getty Images

Düsseldorf. Arbeiten wir Deutschen doch nicht so wenig, wie uns Bundeskanzler Merz und Wirtschaftsministerin Reiche glauben lassen? Die EU-Statistiker von Eurostat überraschten vor zehn Tagen mit der Feststellung, dass die Lebensarbeitszeit in Deutschland weit über dem europäischen Durchschnitt liegt. Das EU-Mittel betrage 37,2 Jahre, in der Bundesrepublik dagegen würden 40 Jahre gearbeitet. Und die Tendenz ist steigend: 2019 waren es erst 39,1 Jahre.

„Die Menschen in Deutschland arbeiten viele Jahre ihres Lebens, das Arbeitszeitvolumen hat 2023 einen Rekordwert erreicht, und die Erwerbsbeteiligung der Frauen liegt über dem EU-Durchschnitt“, analysiert Yvonne Lott vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Da kann man insgesamt nicht schlussfolgern, in Deutschland würde zu wenig gearbeitet.“

Lott räumt allerdings ein, dass die durchschnittliche Jahresarbeitszeit der Deutschen in den vergangenen Jahren abgenommen habe. Das liege aber vor allem am hohen Teilzeitanteil der Frauen, die häufiger arbeiten als früher. Fast jede zweite Frau arbeitet Teilzeit, bei den Männern sind es nur zwölf Prozent.

Mattis Beckmannshagen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht das ähnlich: „Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist in den vergangenen 20 Jahren eine Erfolgsgeschichte, die meisten Leute haben wenig Lücken in ihrer Erwerbsbiografie.“ Das Narrativ, Deutschland arbeite immer weniger, „stimmt nicht überein mit dem Allzeithoch des Gesamtarbeitsvolumens“.

Holger Schäfer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hält dagegen: „Zwar haben wir eine lange Lebensarbeitszeit und hohe Erwerbsbeteiligung, aber beides wiegt die geringen Stunden pro Jahr nicht auf.“ Schäfer verweist auf eine Studie des Roman Herzog Instituts (RHI), wonach Deutschland bei der Stundenzahl des Arbeitslebens an vorletzter Stelle liegt.

Allerdings publiziert das RHI zwei verschiedene Berechnungen: Bei einer liegt die Bundesrepublik auf dem vorletzten Platz, bei einer anderen eher im Mittelfeld. Das Problem bei Arbeitszeitvergleichen ist, dass es keine objektiven Daten für die Jahresarbeitszeit gibt, sondern lediglich Umfragen. Und die werden national auch noch unterschiedlich erhoben.

Die schrittweise Erhöhung des Rentenzugangsalters auf 67 Jahre reicht nicht aus.
Dominik Enste
Ökonom beim IW

Fast übereinstimmend halten unterschiedliche Ökonomen aber fest, dass die Bundesrepublik angesichts der alternden Bevölkerung stärker reagieren müsse. „Die schrittweise Erhöhung des Rentenzugangsalters auf 67 Jahre reicht nicht aus“, argumentiert Dominik Enste vom IW. Die Anzahl der Menschen, die in Rente gehen, sei deutlich höher als die Zahl der Berufseinsteiger.

Beckmannshagen vom DIW stimmt teilweise zu: „Die lange Lebensarbeitszeit in Deutschland ist eine gute Nachricht, aber wir brauchen vieles, um auf die demografische Herausforderung zu reagieren.“ Längere Teilzeit- und mehr Vollzeitbeschäftigung bei Frauen gehörten ebenso dazu wie mehr Zuwanderung qualifizierter Kräfte.

Hausmann: Ökonomen fordern eine aktivere Rolle von Männern im Haushalt. Foto: DigitalVision/Getty Images

Ansatzpunkte gibt es viele. „Wir brauchen eine bessere Verteilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen“, fordert Lott vom WSI. Wenn Männer mehr Sorge- und Hausarbeit übernähmen, könnten Frauen eher in Vollzeit wechseln. Deshalb sei es gut, dass die Koalition die Partnermonate für Eltern, die sich die Kinderbetreuung aufteilen, ausbauen wolle: „Das bietet Männern einen Anreiz und schafft Freiraum für Frauen.“

Schäfer vom IW kritisiert die Bundesregierung: „Die Politik muss begreifen, dass wir mit Appellen an die Arbeitsmoral nichts erreichen, die Rahmenbedingungen müssen attraktiv sein.“ Die Bürger fragten sich: „Kann ich meine Kinder betreuen lassen? Wie viel bleibt mir netto übrig?“

Das fordert auch Beckmann vom DIW: „Wenn man will, dass die Menschen mehr arbeiten, muss man es attraktiver machen.“ Den Abgabenkeil (Differenz zwischen Brutto- und Nettolohn) zu verkleinern, sei ein Mittel, gerade bei niedrigen Einkommen. Auch die Abschaffung des Ehegattensplittings. Außerdem müsse man sich fragen: „Wie gestalten wir die Arbeit so, dass die Leute nicht ausbrennen und lange arbeiten können?“

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Das sind viele Ansatzpunkte für die Bundesregierung – Moralpredigten jedoch sollte sie sich sparen.

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