Beyond the obvious: Wirtschaftskriege sind die Regel, nicht die Ausnahme
Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und Sanktionen bestimmen das Geschehen und die Schlagzeilen. Sie kennzeichnen die neue Normalität in einer Welt, in der die Auseinandersetzung zwischen den USA und China alles überstrahlt. Selbst ein spektakulärer Kompromiss im aktuellen Zollstreit würde höchstens Zeit kaufen. Die Ursachen aber würden bleiben.
Das wird allerdings nur jene wundern, die nicht in die Geschichte blicken. Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker und emeritierter Professor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, liefert in seinem neuen Buch „Gefährliche Rivalitäten“ eine ebenso ernüchternde wie notwendige Analyse: Wirtschaftskriege sind kein Ausnahmezustand, sondern die Regel. Während Politik und Öffentlichkeit oft von einer „regelbasierten Weltwirtschaft“ träumen, zeigt Plumpe, dass Rivalität und Konflikt die eigentlichen Konstanten sind – und Zeiten der Kooperation stets fragil.
» Lesen Sie auch: Europas teure Illusion der Aufrüstung
Geordnete Kooperation nützt zwar allen, aber eben nicht in gleichem Maße. Wer eine internationale Wirtschaftsordnung garantiert, profitiert davon langfristig am wenigsten. Großbritannien im 19. Jahrhundert, die USA im 20. Jahrhundert – beide schufen Ordnungen, die anderen Mächten mehr Wachstum ermöglichten als ihnen selbst. Die aktuelle USA-China-Konkurrenz ist so kein Novum, sondern ein Déjà-vu der britisch-deutschen Rivalität vor 1914.
Die Geschichte verläuft somit in Zyklen: Auf Expansion folgen Rivalität und Konflikt. Dieses „Paradox der Ordnung“ macht jede Hegemonie instabil und erklärt, warum wirtschaftliche Dominanz stets vergänglich ist.
Mit Verweis auf die Gegenwart mahnt Plumpe, dass der Blick in die Geschichte die Konflikte zwar nicht verhindern kann, aber das Bewusstsein für die Gefahren kurzfristiger und unüberlegter Politik schärft. Vor allem darf die Politik nicht den Fehler machen, den Wirtschaftskrieg moralisch aufzuladen.
Globaler Wirtschaftskrieg
„Eine Wirtschaftsdiplomatie, die bei aller Rivalität die andere Seite respektiert, wäre auf jeden Fall aussichtsreicher als das Konglomerat von Moral, Belehrung und unklarer Interessendefinition, das derzeit die Außenwirtschaftspolitik der EU und vieler europäischer Staaten kennzeichnet und eher in die Eskalation als in den Kompromiss führt”, stellt Plumpe nüchtern fest.
Plumpe macht überdeutlich, wie sehr Deutschland und die EU von der vor allem durch die USA geschaffenen Stabilität profitieren und selbst kaum eigene Akzente setzen (können). Ohne grundlegende Reformen bleibt die EU ein Spielball globaler Rivalitäten. Dies würde allerdings voraussetzen, dass die Stärkung der eigenen Wirtschafts-, Innovations- und Verteidigungskraft in der EU absolute Priorität vor den bisher dominanten Sozial- und Klimazielen erhält.
Es wäre sehr zu wünschen, dass dieses Buch zum Urlaubsgepäck von EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und den Mitgliedern der Bundesregierung gehören würde, damit diese nach der Sommerpause besser gerüstet und mit einer realistischen Einschätzung der Lage versehen, eine angemessene Strategie zum Umgang mit der neuen Weltlage entwickeln können. Weiter zu hoffen, es käme bald zu einer Rückkehr in die Zeit globaler Kooperation, ist nämlich keine Option mehr.