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Der ChefökonomDie Exportnation Deutschland verliert an Stärke

Deutschland profitierte lange von seiner starken exportorientierten Industrie. Heute hat der Standort an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Die Regierung hält mit einem Konjunkturpaket dagegen. Ob das reicht?Bert Rürup 22.08.2025 - 04:08 Uhr Artikel anhören
Containerschiff im Hamburger Hafen: Deutliche Marktanteilsverluste der deutschen Exportwirtschaft. Foto: dpa

Düsseldorf. Die konjunkturelle Erholung in der deutschen Industrie war nur von kurzer Dauer. Im Juni brach die Produktion im produzierenden Gewerbe – also Industrie, Bau und Energieerzeugung – um 1,9 Prozent ein. Der Produktionsindex notiert damit auf dem tiefsten Stand seit Mai 2020, also kurz nach dem Ausbruch der Pandemie und den folgenden Lockdowns. Ebenfalls geben die aktuellen Auftragseingänge keinen Grund zur Hoffnung, dass sich die Schwächephase bald einem Ende zuneigen würde. Der einstige Exportweltmeister und Wachstumsmotor Europas wirkt heute nur noch wie ein Schatten seiner selbst.

Diese ausgeprägte Schwäche vorrangig dem Antiglobalisierungskurs des US-Präsidenten Donald Trump oder den Versäumnissen der inzwischen abgewählten Ampel-Bundesregierung zuzuschreiben, greift allerdings zu kurz.

Der Befund der Bundesbank ist ebenso eindeutig wie alarmierend: Die schwache Entwicklung der Ausfuhr in den vergangenen Jahren ging „mit deutlichen Marktanteilsverlusten der deutschen Exportwirtschaft einher“. Die Exportmarktanteile seien seit 2017 rückläufig und „gerieten im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit 2021 zunehmend ins Hintertreffen“, heißt es in der von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Analyse. Hätten sich die deutschen Exporte im Einklang mit den Absatzmärkten – also ohne Marktanteilsverluste – entwickelt, wäre das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 2021 und 2024 um insgesamt 2,4 Prozentpunkte stärker gewachsen.

Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit

Laut Bundesbank gehen mehr als drei Viertel dieser Marktanteilsverluste darauf zurück, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Exporteure markant verschlechtert habe. „Dies legt nahe, dass grundlegende, angebotsseitige Probleme der deutschen Volkswirtschaft eine Rolle spielten.“

Vor wenigen Tagen legte das Ifo-Institut nach: Jedes vierte deutsche Industrieunternehmen berichte aktuell von einem Rückgang seiner Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Unternehmen in Ländern außerhalb der EU. Im Vergleich zu Wettbewerbern aus der EU sehe immerhin jedes achte Unternehmen eine schwindende Wettbewerbsfähigkeit. Die deutsche Industrie kämpfe mit strukturellen Nachteilen, resümiert das Ifo-Institut. Die Folge: Viele Unternehmen verlieren an Marktanteilen.

Nun sind die strukturellen Probleme der deutschen Volkswirtschaft hinreichend bekannt: Die Alterung der Gesellschaft führt zu einem abnehmenden Arbeitsangebot bei steigenden Lohnkosten. Eine stark alternde Gesellschaft gilt zudem als wenig dynamisch und eher strukturkonservierend. Arbeitsplätze in tradierten Industrien werden mit hohen Kosten bewahrt, während hohe Unternehmensteuern und eine ausufernde Bürokratie Risikobereitschaft und damit Innovationen und Investitionen lähmen.

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Einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit folgt in der Regel eine Abwertung der eigenen Währung, da Kapital dorthin fließt, wo es produktiver eingesetzt werden kann und die erwarteten Renditen höher sind. Dies führt dann dazu, dass das Land im Vergleich zum Rest der Welt ärmer wird, während sich aber gleichzeitig die Exporte verbilligen.

Im Gegenzug führt eine hohe Wettbewerbsfähigkeit zu einem latenten Aufwertungsdruck, mit dem die deutsche Wirtschaft in den Nachkriegsjahren bis zur Euro-Einführung konfrontiert war. Infolge dieses Drucks waren namentlich die exportorientierten deutschen Unternehmen gezwungen, ihre Produktivität kontinuierlich zu steigern – durch Automatisierung sowie Outsourcing in Niedriglohnländer. Letztlich führten die Aufwertungen der D-Mark dazu, dass die deutsche Industrie zu einer der produktivsten der Welt wurde.

Euro-Stärke als Belastungsfaktor

Heute dagegen sieht sich eine schwächelnde deutsche Industrie mit einer massiven Aufwertung konfrontiert. In den vergangenen sechs Monaten wertete der Euro um etwa zwölf Prozent gegenüber dem US-Dollar auf. Seit Anfang August kommen auf die meisten Importe in die USA 15 Prozent Zoll hinzu. Selbst hochwertige Waren mit einer guten Marge lassen sich unter diesen Bedingungen kaum noch absetzen.

Gleichzeitig ist China vom preisgünstigen Zulieferer zum globalen Wettbewerber mit Blick auf Autos, Maschinen, Elektrotechnik und Chemie aufgestiegen. Mit tatkräftiger Unterstützung des Staates erobern chinesische Unternehmen mit qualitativ hochwertigen Produkten zu günstigen Preisen einen Markt nach dem anderen. Überdies scheint China das einzige Land der Welt zu sein, das mit seinem faktischen Monopol auf seltene Erden hinreichend Drohpotenzial besitzt, um der wirtschaftspolitischen Willkür von US-Präsident Trump standzuhalten – die von ihm angedrohten Zölle wurden vergangene Woche erneut ausgesetzt.

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Es ist 17 Jahre her, dass Deutschland sich das letzte Mal als Exportweltmeister feiern konnte. Längst sind neben China auch die USA an Deutschland vorbeigezogen – und nicht nur, weil sie ihre Exporte gesteigert haben, sondern auch, weil die Exporte aus Deutschland real seit einem Jahrzehnt stagnieren. Ursache ist nicht eine allgemeine Deglobalisierung; die wichtigsten Zielländer deutscher Produkte importierten in den vergangenen Jahren sogar mehr, nur eben nicht aus Deutschland. Nach einer Commerzbank-Analyse ist der Verlust von Marktanteilen besonders eklatant in Asien. Deutschlands Ausfuhr nach China sank in den vergangenen fünf Jahren preisbereinigt um mehr als ein Viertel. Die Importe aus China stiegen hingegen. Auch die asiatischen Schwellenländer steigerten ihre weltweiten Importe insgesamt um mehr als 20 Prozent, während die deutsche Ausfuhr dorthin um rund acht Prozent sank.

Produktion nach Fernost verlagert

Ein Grund für die schrumpfenden Exporte nach Fernost ist, dass viele deutsche Unternehmen ihre Produktion dorthin verlagert haben. Dies gilt keineswegs nur für Dax-Konzerne, sondern auch für größere Mittelständler. Zudem fließt lediglich ein Teil der dort erzielten Gewinne zurück nach Deutschland. Nicht wenig davon wird vor Ort reinvestiert und ist somit weder für deutschen Statistiken noch für den Standort Deutschland relevant. Fernost dürfte als Lokomotive für den deutschen Export damit auf Dauer ausfallen.

Nun hat sich die deutsche Wirtschaft in der Nachkriegsgeschichte als enorm wandlungsfähig erwiesen und sich schnell an veränderte Rahmenbedingungen angepasst. Darüber hinaus wirkte der Aufwertungsdruck der D-Mark als Antrieb für die Steigerung der  Produktivität. Und zwischen den Sozialpartnern galt das ungeschriebene Gesetz, die Lohnentwicklung an der Produktivität zu orientieren. Die Politik bemühte sich, den Anstieg der Sozialabgaben zu begrenzen, und hielt ihre schützende Hand über die Autoindustrie als Schlüsselindustrie.

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Nichts davon ist heute noch Realität. Die deutsche Industrie hat wichtige Trends wie die Elektrifizierung von Antrieben verschlafen. Energieintensive Produktionen sind hierzulande kaum noch möglich. Die Arbeitsproduktivität steigt seit Jahren kaum noch, während gleichzeitig die Arbeitskosten zunehmen. Und spätestens seit dem Dieselskandal ist das Band zwischen Politik und Autoindustrie zerschnitten.

Die neue Bundesregierung plant nun, mit einem klassischen keynesianischen Konjunkturprogramm gegen diese strukturellen Probleme anzukämpfen. Dieser Versuch ist wachstumspolitisch nicht sonderlich erfolgsversprechend – leider.

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