Geoeconomics: Putins Drohnen-Schock – wie Moskau uns in die Enge treibt
Russische Drohnen über Polen und Rumänien, MiG-Kampfjets im estnischen Himmel – in den vergangenen Wochen häufen sich Luftraumverletzungen durch Moskau. Solche Provokationen sind nicht neu: Aufklärungsflüge ohne Transpondersignal, Drohnen über Flughäfen und Militärbasen, GPS-Störungen im Ostseeraum oder Behinderungen maritimer Operationen gehören seit der Annexion der Krim 2014 zum Repertoire. Doch die aktuellen Vorfälle markieren eine neue Qualität: Erstmals seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine kam es mit den Drohnen-Abschüssen in Polen zu einem direkten militärischen Zwischenfall zwischen Russland und Nato-Kräften.
Die Logik hinter diesen militärischen Drohgebärden ist klar: Der Kreml bespielt gezielt die Grauzone zwischen Krieg und Frieden. Er will die Nato austesten, die Verbündeten spalten und europäischen Gesellschaften den Preis der Ukraine-Unterstützung vor Augen führen.
Moskaus Kalkül: Die Reaktionen der Alliierten auf solche Nadelstiche sollen auseinanderdriften. Zwar verurteilte die Nato die Vorfälle rasch und einstimmig – doch hinter den Kulissen zeigen sich Differenzen. Polens Außenminister Sikorski kündigte an, künftig auch russische Kampfjets abzuschießen, während Verteidigungsminister Pistorius vor „leichtfertigen Forderungen, irgendetwas vom Himmel zu holen“ warnte. Einige Länder plädieren für Härte, andere fürchten eine Eskalationsspirale. Auch aus Washington kam zunächst Zurückhaltung. Ob Präsident Trump seiner scharfen Rhetorik gegenüber dem Kreml künftig Taten folgen lässt, ist offen. Russland wird auch künftig gezielt versuchen, bestehende Gräben zu vertiefen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu ergibt. Gelingt es Moskau, neue Spannungen unter den Verbündeten zu schüren, wäre das ein strategischer Erfolg.
Zweitens will Moskau die Nato auskundschaften. Jede Verletzung des Luftraums zwingt die Allianz zur Reaktion – und liefert wertvolle Informationen. Wie funktionieren die Kommando- und Kontrollstrukturen der Nato-Luftraumüberwachung, wo liegen Schwächen? Welche Fähigkeiten werden aktiviert, welche Reaktionen folgen auf welche Provokationen? Jede dieser Antworten schärft das Lagebild russischer Militärplaner und prägt die weitere Strategie. Russland dürfte genau registriert haben, dass die Drohnenangriffe in Polen die Nato zwangen, teure Raketen gegen Billigdrohnen einzusetzen. Würde sich dieses Muster in größerem Umfang wiederholen, könnten die Bestände und Budgets der Allianz erheblich unter Druck geraten.
Drittens geht es darum, den europäischen Gesellschaften zu signalisieren, dass die Unterstützung der Ukraine ein Sicherheitsrisiko birgt – nach dem Motto: Je mehr ihr Kiew beisteht, desto größer die Gefahr für Euch selbst. Dieses Kalkül flankiert Moskau rhetorisch. So erklärte Außenminister Lawrow am 25. September am Rande der UN-Generalversammlung, Nato und EU seien längst „an einem direkten Krieg gegen Russland beteiligt“.
Moskau will unsere Schwächen offenlegen
Doch Moskaus Kalkül endet nicht im Luftraum. Der Kreml sucht nach Wegen, die Schwächen westlicher Demokratien offenzulegen und das Vertrauen in ihre Institutionen zu erschüttern. Zum Instrumentarium gehören Geheimdienste wie der GRU ebenso wie quasi-staatliche und nicht-staatliche Akteure: Trollfabriken, die das Netz mit Desinformation fluten, „Forschungsschiffe“, die in europäischen Meeren sensible Daten sammeln, oder die Schleusung von Migranten über Belarus und Russland, um Druck auf Institutionen auszuüben und Gesellschaften zu spalten. All das bleibt unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges, schwer nachweisbar – und doch wirksam.
Die Botschaft ist klar: Die von Russland gewählte Form moderner Konfrontation ergänzt das konventionelle Arsenal, sie ersetzt es nicht. Wir sollten davon ausgehen, dass Moskaus Aktivitäten im Graubereich künftig noch zunehmen werden.
Die Lehre daraus ist klar: Die Nato steht nun vor der Aufgabe, eine langfristige Strategie für den Umgang mit dieser Herausforderung zu entwickeln. Militärische Stärke allein reicht nicht, Europas Antwort auf die Bedrohung muss zweigleisig sein. Wir brauchen einerseits glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit – auch im Luftraum, in dem Russland die Grenzen austestet. Mit millionenteurer Technik gegen Drohnen zum Schnäppchenpreis vorzugehen, ist nicht nachhaltig. Andererseits brauchen wir mehr Resilienz gegenüber hybriden Bedrohungen: gegen Sabotageakte, gegen Cyberattacken, gegen Versuche, uns politisch zu spalten. Wichtig ist, dass die Nato ihre Geschlossenheit wahrt – und gelassen bleibt, ohne die Provokationen zu normalisieren.
