Kolumne Geoeconomics: Warum die kommende Offensive für den Verlauf des Krieges entscheidend wird
Claudia Major ist eine deutsche Politikwissenschaftlerin und Forschungsgruppenleiterin für Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Foto: Klawe Rzeczy, Getty, PRTrotz eines enorm hohen Material- und Personaleinsatzes konnten die russischen Truppen in den letzten Wochen nur geringe Geländegewinne erzielen. Die umkämpfte Stadt Bachmut steht exemplarisch für diese zerstörerische, aber letztlich erfolglose russische Offensive.
Selbst ein erfolgloser Krieg, in dem es lediglich die Frontlinien hält, ist für Russland immer noch besser als ein Waffenstillstand, der aller Welt zeigen würde, dass es seine Ziele verfehlt hat.
Währenddessen bereitet die Ukraine ihre mit Spannung erwartete Gegenoffensive vor. Entscheidend für das Gelingen sind die westlichen Waffensysteme, die in den letzten Monaten geliefert wurden, vom Minenräumpanzer bis zum Luftverteidigungssystem, aber auch, dass Tausende Soldaten ausgebildet und an westlichen Waffensystemen geschult wurden.
Zwar wird die erwartete Offensive vermutlich anders verlaufen als die erfolgreichen ukrainischen Offensiven im vergangenen Jahr, insbesondere weil Russland die Frontlinien weitläufig mit Minenfeldern und Panzerabwehrgräben befestigt hat. Doch haben die ukrainischen Streitkräfte vergangenes Jahr ihre Einsatzfähigkeit bewiesen: Etwa die Hälfte der seit Kriegsbeginn von Russland besetzten Gebiete konnten sie befreien.
Neben geschickter Kriegsführung, Entschlossenheit und Lernfähigkeit haben sie auch ihre Fähigkeit demonstriert, nahezu reibungslos verschiedene moderne und fremde Systeme zu integrieren und einzusetzen. Auch dies hat die westlichen Partner darin bestärkt, ihre Unterstützung fortzusetzen und sukzessive zu steigern, von Munition bis Flugabwehr, Schützen- und Kampfpanzern.
Doch je länger der Krieg dauert, desto höher die Verluste und Kosten und desto größer die Zweifel des Westens. Zudem stehen Wahlen in den Ländern an, deren Beiträge entscheidend sind, insbesondere 2024 in den USA, aber auch in Großbritannien und Europa. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage könnten sich andere Wahlkampfthemen durchsetzen.
Die ukrainische Offensive wird den Krieg nicht beenden
Die ukrainische Offensive wird nicht die letzte sein, sie wird den Krieg nicht beenden. Aber sie ist entscheidend – sowohl für den Verlauf des Krieges als auch für die weitere Unterstützung durch den Westen. Ein Erfolg kann verdeutlichen, dass sich Unterstützung und Waffenlieferungen „lohnen“, und den Westen für eine systematische Fortsetzung motivieren.
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Sollte die Ukraine nur geringen Erfolg bei der Befreiung ihrer besetzten Gebiete haben, könnten die zukünftigen Hilfspakete spärlicher ausfallen oder gar eingestellt werden, da Kritiker ihre Zweifel bestätigt sehen. Der Druck auf die Ukraine könnte steigen, auf Basis russischer Forderungen einen Kapitulationsfrieden zu akzeptieren.
Die umkämpfte Stadt Bachmut steht exemplarisch für diese zerstörerische, aber letztlich erfolglose russische Offensive.
Foto: dpaDas verkennt jedoch, dass die Ukraine keine Wahl hat zwischen Krieg und Frieden, sondern mit Vernichtung unter russischer Besatzung rechnen muss, wenn sie sich nicht weiter verteidigen kann. Das haben die Gräueltaten in Butscha, Irpin, Isjum und anderen Orten gezeigt. Der militärische, wirtschaftliche und humanitäre Beistand des Westens entscheidet über Leben und Tod der Ukrainer. Solange Russland seine Position nicht ändert, gibt es dazu keine Alternative.
Das Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe in Ramstein am 21. April war daher ein Stimmungsbarometer der westlichen Partner. So haben zum Beispiel die USA im Vorfeld ein bemerkenswertes neues Hilfspaket über 325 Millionen Dollar angekündigt, unter anderem mit HIMARS-Munition, Panzerabwehrraketen und Material zur Minenräumung.
Was es noch aber mehr braucht, sind langfristige Zusagen, damit die Ukraine für einen längeren Zeithorizont planen kann. Neben Waffenlieferungen umfasst dies die ganze Bandbreite von Ausbildung, Ersatzteilen, Wartung bis zur Ausstattung und Nachbeschaffung bei Verlust, Munition und Luftverteidigung, perspektivisch auch Kampfflugzeuge.
Die anstehende Offensive ist nicht die letzte, aber eine entscheidende. Die Unterstützung des Westens sollte nicht nur bei einer erfolgreichen, sondern gerade bei einer nicht erfolgreichen Offensive verstärkt, verstetigt und erweitert werden – „as long as it takes“, wie Verteidigungsminister Pistorius sagt.