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Kolumne „Globale Trends“Deutschlands Gesundheitswesen ist ein Opfer des Braindrain

Wie viele andere Länder rekrutiert Deutschland Ärztinnen und Pfleger im Ausland. Gleichzeitig verlieren wir viele Fachkräfte, weil die Bedingungen im Inland zu schlecht sind.Thomas Hanke 19.07.2023 - 11:35 Uhr
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Laut WHO arbeiten in Deutschland etwa 52.000 im Ausland ausgebildete Ärzte und fast 100.000 Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger.

Foto: dpa

Hubertus Heil ist auf Tour: Nach Kanada, Brasilien und Ghana bemüht sich der Bundesarbeitsminister (SPD) diese Woche in Indien um die Anwerbung von Arbeitnehmern, vor allem für den Gesundheitssektor.

Die Konkurrenz um medizinische Fachkräfte hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. In Frankreich arbeiten nach Angaben der OECD heute dreimal so viele im Ausland ausgebildete Ärzte als zu Beginn der 2000er. In Australien hat sich ihre Zahl in nur zehn Jahren verdoppelt. Portugal will nun sogar 300 Ärzte aus Kuba anstellen.

Über Deutschland hat die OECD kaum Zahlen, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeiten hier aber 52.000 im Ausland ausgebildete Ärzte und fast 100.000 Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger.

Damit gehört Deutschland zu den Top Five der Importländer. Der Anteil des im Ausland ausgebildeten medizinischen Personals ist seit 2017 von acht auf 14 Prozent gestiegen. Doch zu den Top Five zählen wir auch bei der Abwanderung.

Wandern Ärzte oder Pfleger ab, wird oft befürchtet, dass die heimische Versorgung darunter leidet. Heil weist darauf hin, dass Deutschland in Übereinstimmung mit einem Kodex der WHO nur in Ländern anwerbe, in denen kein Mangel bestehe. Der indische Bundesstaat Kerala, mit dem er ein Abkommen schließen will, weise einen Überschuss an medizinischem Fachpersonal auf.

Braindrain trifft uns selbst

Der Braindrain betrifft uns selbst: Genau wie Großbritannien gehören wir nicht nur bei der Anwerbung, sondern auch beim Verlust von Fachkräften an das Ausland zur Weltspitze. Wenn wir im Ausland rekrutieren müssen, liegt das nicht allein daran, dass die Gesellschaft altert und mehr Patienten auf eine starre Zahl an Ärzten und Pflegern treffen. Die Mangellage ist auch selbst verschuldet.

Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.

Foto: Klawe Rzeczy

Auch wenn ein deutscher Assistenz- oder Facharzt nach Angaben des „Ärzteblatts“ das weltweit zweithöchste Einkommen nach den USA erzielt: Rund 20.000 von ihnen hat es nach Angaben der WHO ins Ausland gezogen, weil dort die Arbeitszeiten oder sonstige Bedingungen besser sind.

Bei Krankenpflegerinnen und -pflegern sind es gar 36.000. Dazuaddieren muss man die Personen, die in eine andere Branche gewechselt sind oder nur Teilzeit arbeiten, weil ihnen der Stress zu groß geworden ist. Denn auch die könnten dem Gesundheitssektor zur Verfügung stehen.

„Ohne Verbesserung der Arbeitsbedingungen wird es nicht gelingen können“, stellt Dieter Erdmeier von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fest. Im Ausland Angeworbene seien „in der Regel sehr gut qualifiziert und haben bereits eine Migrationserfahrung: Sie können auch schnell wieder weg sein.“

Wenn in Deutschland so viele medizinische Fachkräfte ausscheiden oder nur Teilzeit arbeiten, bei guten Arbeitsbedingungen aber zurückkehren würden, müsse man „sich fragen, woran es liegt“, fordert der Gewerkschafter.

Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen müssten für gute Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen sorgen, es brauche eine Gefährdungsbeurteilung an jedem Arbeitsplatz, die körperlichen und psychischen Belastungen müssten sinken.

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Eine unzureichende Personalausstattung zeigt sich auch daran, dass in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zunehmend Leasingkräfte zum Einsatz kommen. Die sollten nur ein gut bezahlter Puffer für extreme Engpässe sein, werden aber mittlerweile regelmäßig herangezogen. Wirtschaftlich ist das nicht, denn sie kosten ein Mehrfaches des Gehalts fester Arbeitnehmer.

Ähnlich verhält es sich mit dem Weltmarkt für Fachkräfte: Er ist ein nützliches Hilfsmittel, entbindet uns aber nicht von der Notwendigkeit, im Inland gute Bedingungen herzustellen.

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