Kolumne „Out of the box“: So viel bewegt, doch nichts ist passiert
Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Human Unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von Grey Worldwide.
Foto: Klawe Rzezcy, Getty ImagesFrauen haben sich aufgemacht, in der Wirtschaft ein gehöriges Wort mitzureden. Sie sind fest entschlossen, das tägliche Tun zum Besseren zu wenden. Dafür haben sie viel in Bewegung gesetzt: die berühmt-berüchtigte Quote etabliert, Netzwerke gebildet, die Bühnen und die Podcasts erobert.
Sie unterstützen sich nach Kräften, in den sozialen Medien und hinter den Kulissen. Sie haben Gott und die Welt dazu gebracht, zu gendern und so die Wahrnehmung für sich und ihr Thema erhöht. Und sie haben was bewegt. Nie saßen mehr Frauen in den Chefetagen als heute, inklusive der großen Chefsessel.
Sie sind jetzt Chefin der EU-Kommission, der EZB, der Dax-Konzerne Fresenius Medical Care und Merck. Nur, im Großen und Ganzen sind die Unternehmen noch wie immer. Es hat sich nichts geändert. Der viel beschworene Kulturwandel ist aus der Wiedervorlagemappe nicht herausgekommen. Das sorgt für Frust, auch bei den Frauen selbst.
Was ist der Grund?
Von den 17 weiblichen Dax-Vorständinnen haben sich gerade acht vorzeitig aus dem Job verabschiedet. Spitzenmanagerinnen, die jahrzehntelang ihr Können unter Beweis gestellt haben, werfen das Vorstands-Handtuch aus eigenem Entschluss oder im gegenseitigen Einvernehmen.
Das Signal ist fatal. Nach nicht einmal tausend Tagen (im Schnitt) stellen sie die Sinnfrage oder verlieren das Vertrauen. Und der weibliche Nachwuchs verliert sein Role-Model und den Glauben an die Chefetage. Das Unternehmen sieht alt aus.
Diese Häufung der Kündigungen ist auffällig. Es deutet auf einen Fehler im System. Beim genauen Hinsehen ist es noch schlimmer. Das System selbst ist der Fehler. Starr, unwillig und festgefahren.
Ein Kästchen im großen Organigramm weiblich zu besetzen, wird nichts ändern, wenn alles andere unveränderlich ist: die Strategie, die Kreditlinie, die Erwartung der Finanzmärkte, die interne Politik und die Ansprüche der Betriebsräte. Die einzigen Änderungen betreffen das Budget und den Zeithorizont für erste Erfolgsmeldungen – beides wird kleiner.
Die Veränderungsresistenz bringt die deutschen Unternehmen in Gefahr.
Darwins Gesetze gelten eben auch in der Welt der Wirtschaft. Managerlegende Jack Welsh warnte eindringlich: „If the rate of change on the outside exceeds the rate of change on the inside, the end is near.” Firmen leiden nicht nur unter hohen Energiepreisen, sondern auch unter systemischem Starrsinn.
Jahrzehntelange Effizienzdenke hat sich bis in die letzten Winkel und in alle Prozesse eingefräst. Sie hat die deutschen Unternehmen und ihre Entscheider Jahr für Jahr zu großen wirtschaftlichen und persönlichen Erfolgen geführt. Das vergessen sie ihr nie.
Doch in Zeiten rasanter Veränderung führt die kleine Optimierung nicht mehr weiter, jetzt braucht es den großen Sprung – auch in der Kulturfrage. Evolutionäres Vorgehen führt Schritt für Schritt Richtung Abstellgleis. Es ist schon sichtbar: Die Wirtschaftslokomotive Deutschland ist heute Tabellenletzter in Europa beim Thema Wirtschaftswachstum.
Damit Firmen auf der Erfolgsspur bleiben, brauchen sie keinen Kulturwandel, sie brauchen eine Kulturrevolution. Ein neues Fundament des täglichen Miteinanders.
Das alte Hierarchiemodell hat ausgedient. Es kann mit der Komplexität und Schnelligkeit dieser Tage nicht mehr mithalten. Aber das Loslassen fällt schwer. Alle Reflexe und die Erfahrung eines ganzen Berufslebens stehen dagegen.
Doch bis der Vorstandsbericht abgestimmt, rumgeschickt und abgezeichnet ist, hat die Welt sich schon sieben Mal weitergedreht.
Verantwortung muss nicht delegiert, sie muss abgegeben werden. Leadership ist keine Kontrollinstanz, sondern eine Gestaltungsaufgabe. Das verlangt eine fundamental andere Kultur.
Und es wird noch komplizierter. Denn gleichzeitig lösen Technologie und Wertewandel das Unternehmen in Raum und Zeit auf. Was hält den Laden und die Leute in Zukunft noch zusammen? Powerpoint-Charts, Zoom-Meetings und Zielvereinbarungen helfen da nicht weiter.
Der gemeinsame Kern, die Frage nach dem Sinn, den gemeinsamen Werten und dem täglichen Wie müssen neu verhandelt werden. Kultur ist die Summe der unausgesprochenen Selbstverständlichkeiten. Diversität und die viel beschworenen weiblichen Qualitäten können hier wahre Wunder bewirken. Übrigens auch, wenn Männer sie haben.
Geben wir ihnen den Raum, sie zu entfalten. Es ist wichtig.