Kolumne „Out of the box“: Wie bauen wir das Vertrauen wieder auf?
Während sich die Erde aufheizt, sinkt das Vertrauensklima Richtung Nullpunkt. Zwei Drittel der Deutschen haben das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren, sagt Statista. Damit ist er allerdings nicht allein.
Vertrauensverlust wird zum Megatrend, der sich durch alle Lebensbereiche und Industrien zieht. Immer mehr Menschen vertrauen immer weniger: den Medien und der Wissenschaft, der Deutschen Bank und der Deutschen Bahn, der Marktwirtschaft und dem eigenen Chef. Sogar der Glaube an die katholische Kirche ist unter die Räder geraten. Seitdem künstlich intelligente Maschinen Bilder generieren, trauen wir nicht mal mehr unseren eigenen Augen. Und selbst für Fakten gibt es heute Alternativen.
Doch was geschieht mit einer Gesellschaft, die das Vertrauen in die Institutionen, das Gegenüber und sich selbst verliert? Sie zersplittert – politisch, gesellschaftlich und menschlich.
Betriebsrat und Konzernführung bei Volkswagen finden keinen Gesprächsfaden mehr. Flugblätter haben die Kommunikation übernommen. Die Tesla-Chefs in Grünheide stehen klingelnd an der Haustür ihrer Mitarbeiter, um auffälligen Krankmeldungen kurz vor dem Wochenende auf den Grund zu gehen.
Einige Mitarbeiter rufen die Polizei. Unternehmen reden von Vertrauensarbeitszeit und installieren Monitoring Software, um Anwesenheit, Aktivität und Produktivität im Homeoffice zu tracken. Sicher ist sicher. Beide Seiten fühlen sich getäuscht, missbraucht und verraten. Das wirkt wie Säure auf den Draht von Mitarbeiter und Unternehmen und ist kaum zu reparieren.
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Dabei wissen wir genau, was es braucht. „Wir müssen das, was wir denken, auch sagen. Wir müssen das, was wir sagen, auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“ Alfred Herrhausens Worte gelten noch immer. Vermutlich würde er heute die Verantwortlichkeit noch dazu schreiben. „Wir müssen Fehler eingestehen, sie beheben und die Verantwortung übernehmen.“
Vertrauen ist ein großes Wort, das scheinbar Großes verlangt: große Worte, Aufgaben und Taten. Die Forschung zeigt jedoch eher das Gegenteil. Vertrauen wächst in den kleinen Gesten und alltäglichen Momenten. Das „Wie“ ist dabei so bedeutsam, wie das „Was“. Anteilnahme, Nachvollziehbarkeit und Wahrhaftigkeit sind die Nährstoffe, die Vertrauen zu neuer Blüte bringen.
Anteilnahme klingt einfach und ist es auch. Zumindest theoretisch. Die Kombination von Aufmerksamkeit und Verbundenheit. Sie beginnt damit, das Handy auszuschalten, den Kopf zu heben, in die Augen des Gegenübers zu blicken, um spürbar präsent zu sein. Es verlangt im anderen nicht nur den Funktionsträger, sondern auch den Menschen zu sehen und seine persönlichen Themen.
Vertrauen verlangt Vertrautheit
Die Realität ist jedoch anders: Zoom-Meetings, in denen das Gegenüber nicht sichtbar ist, nebenbei E-Mails bearbeitet und Reisekosten abgezeichnet werden. Klingt effizient, ist aber ein Vertrauenskiller: Multitasking wirkt Multi-Destructive. Jede Begegnung dieser teilnahmslosen Art dreht einer Beziehung die Luft ab. Übrigens auch im Privatleben.
Nachvollziehbarkeit heißt das Beruhigungsmittel und die Brandmauer gegen gefühlte Willkür und Unkalkulierbarkeit. Diese nimmt bekanntlich auf dem Weg von der Vorstandsetage bis in die Mitarbeiterflure zu und wächst mit der Größe des Unternehmens. Die Welt, die Strategien und die Vorstände ändern sich im Jahrestakt.
Sechzig Prozent aller Dax-Vorstände sind weniger als drei Jahre im Amt, hat das Handelsblatt Research Institut letzte Woche gemeldet. Vertrauen verlangt Vertrautheit. Es dauert, bis man dieselbe Sprache spricht und Entscheidungen erklärlich und für alle verständlich sind. Bis dahin gilt: Nachrichten müssen persönlich überbracht werden und dürfen nicht nach Pressemeldung klingen.
Wahrhaftigkeit zu zeigen, ist vermutlich die größte Herausforderung. Die Kunst, sich gerade in schwierigen Momenten und bei schmerzhaften Entscheidungen nicht hinter dem Titel und der Corporate Language zu verstecken. Gerade in stürmischen Zeiten gilt es, an Deck zu sein, sich in aller Gänze mit seiner Persönlichkeit und als Mensch zu zeigen.
Menschen vertrauen Menschen. Je erkennbarer man als Mensch ist, desto mehr Verständnis entwickelt sich auf der Empfängerseite. Wahrhaftigkeit verlangt viel: Mut vor Bequemlichkeit und die Entscheidung für das Richtige statt für die einfache und schnelle Lösung.
Vertrauen ist bekanntlich der Anfang von allem – auch von Zukunft. Es ist das Gefühl von Zuversicht und Sicherheit in Zeiten fehlender Kalkulierbarkeit und Unübersichtlichkeit. Nie war es so wertvoll wie heute. Ohne Vertrauen ist das Leben, der Job und die Wirtschaft undenkbar. Der menschliche Schmierstoff, der den Motor des Miteinanders ans Laufen bringt.
Vertrauen wohnt in den kleinen und alltäglichen Momenten. Der Vorteil ist, es gibt jede Menge davon. Jeden Tag. Sie können den Unterschied machen. Die E-Mail beantworten, pünktlich im Termin sein und ihre Arbeit einen Augenblick unterbrechen, wenn ein Mitarbeiter Hilfe braucht. Das ist ein guter Anfang. Vertrauen Sie mir.