Kolumne „Out of the box“: Wie berechnen wir den Geld-Wert eines Menschen?
Wie viel ist ein Mensch wert? Chemisch besteht ein Mensch zum Großteil aus Wasser, die extrahierbaren Rohstoffe von Eisen bis Kalium spülen weniger als zehn Euro in die Kasse. Eine Leber zu spenden, bringt 150.000 Euro. Versicherungen werden auch mal mit einer Million Euro für ein Menschenleben zur Kasse gebeten.
Wenn Max Mustermann vierzig Jahre fleißig durcharbeitet, liegt sein volkswirtschaftlicher Verdienst im Schnitt bei zwei Millionen. Das beliebteste Maß zur Ermittlung des eigenen Wertes ist und bleibt das Gehalt – inklusive der variablen Vergütungsanteile.
Elon Musk trieb seinen Verdienst vergangene Woche auf die astronomische Höhe von einer Billion Dollar. Der reichste Mensch des Planeten hatte seinem Arbeitgeber Tesla mit Kündigung gedroht. Er brauche einen finanziellen Anreiz und mehr Durchsetzungsvermögen, um weiterzumachen. Aktionärsvertreter, der norwegische Staatsfonds und sogar Papst Leo XIV. waren dagegen.
Drei Viertel der Aktionäre stimmten der Gehaltserhöhung aber zu. Inklusive Musk selbst, der mit fünfzehn Prozent größter Anteilseigner ist. Sie betonten einhellig, es ginge dabei nicht ums Geld. Sehen wir es als die größte Motivationsspritze aller Zeiten.
Wenn alles nach Plan läuft, steigert Musk seinen Anteil am Elektroautohersteller auf 25 Prozent. Die Ziele dafür sind zwar hoch gesteckt. Wenn Musk sie allerdings wegen Naturkatastrophen, Krieg, Eingriffen von Regulierungsbehörden oder nicht näher spezifizierten Umständen verfehlt, kann der Aufsichtsrat ein Auge zudrücken. In dem Kontrollgremium sitzt auch Elon Musks Bruder.
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Die Börse berechnet den Wert eines Menschen offenbar nach einer ganz eigenen Formel. In der Welt der Zahlen ist ausgerechnet die Fantasie der große Werttreiber. Vorstellungsvermögen ist der Anfang aller Kurssprünge. „How big can you dream?“, gilt in Amerika als Mutter aller Finanzierungsfragen.
Niemand kann so große Traumbilder zeichnen wie Elon Musk. Er ist auf dem Weg, die Welt auf links zu drehen und den Planeten zu verlassen. Tesla soll dabei sein Vehikel sein. „Die Kontrolle über Tesla könnte die Zukunft der Zivilisation beeinflussen“, verkündet der Tesla-Chef auf seinem Kurznachrichtendienst X.
Tesla steigt von Elektromobilität auf KI und Roboter um
Das Antriebsaggregat der Zukunft ist dabei nicht mehr die Elektromobilität – weder für die Absatzziele noch für den Börsenkurs. Musk schaltet bei Tesla auf Hybridantrieb und setzt auf Roboter und Künstliche Intelligenz. Von null auf eine Million Robotaxen in 3000 Tagen. Selbstfahrend und hochprofitabel. Begleitet von einer Armee humanoider Roboter.
Musk wechselt bei Vollgas auf eine bislang unbefahrene Strecke. Angesichts des Risikoprofils des Mannes am Steuer droht erhöhte Unfallgefahr.
Vermutlich haben die Anteilseigner ihre Rechnung ohne die anderen Stakeholder gemacht und diese Nebenwirkungen nicht einkalkuliert. Einst war Musk eine weltweite Identifikationsfigur: im Unternehmen, im Silicon Valley, für Techies, Politiker und Hollywoodstars.
Musk konnte Gesetze ignorieren oder Regeln außer Kraft setzen und sie später per Persönlichkeit wieder auf die Straße bringen. Heute ist Musk eine Reizfigur. Der Goodwilltank ist leer. Nun schlägt die Bürokratie zurück.
Teslas Ur-Antrieb „to accelerate the world's transition to sustainable energy“ nutzte Zeitgeist als Rückenwind und kassierte den Treuebonus der Käufer schon bei der Bestellung mit ab. Das spülte Geld in die Kassen. Bei der neuen Route ist der gesellschaftliche Mehrwert jedoch unter die Räder geraten. Shareholder-Value schlägt Umweltschutz, der Gegenwind scheint vorprogrammiert.
Der reichste Mensch bietet den Menschen nichts mehr
So spielt der Mensch in Musks Zukunftserzählung keine Rolle mehr. Alles läuft und fährt künstlich-intelligent und autonom. Wer braucht noch Mitarbeitende, wenn er eine Roboter-Armee befehligt? Seine Mitarbeiter sind nur noch „menschliche Übergangstechnologie“, Musk hat ihnen nichts zu bieten. Über hunderttausend Menschen arbeiten bei Tesla – warum sollte sich einer von ihnen ins Zeug legen, um sich selbst abzuschaffen?
Mit Musks neuem Aktienpaket sind die alten Probleme nicht aus der Welt. Der Kostendruck in der Automobilbranche ist hoch, und die nächste Einsparrunde kommt bestimmt. Der Verdienst eines Produktionsmitarbeiters in Grünheide liegt im Schnitt bei 38.000 Euro – Weihnachtsgeld gibt es nicht. Wer schenkt dem frisch gekürten Billionär Gehör, wenn dieser Verzicht predigt und Opfer verlangt?
Die Ikone Musk hat in den vergangenen Jahren reichlich Kratzer bekommen: als Wüterich auf seiner eigenen Medienplattform X, als Trumps größter Wahlspender, der sogar Stimmen kauft, und als politische Abbruchkolonne, die selbst Entwicklungshelfer feuert.
Der Cybertruck steht wie Blei in den Werken. Statt der geplanten 250.000 Einheiten im Jahr hat sich der Wagen im vergangenen Quartal 5385-mal verkauft. Einige Hundert dieser Bestellungen sollen von Musks anderen Firmen SpaceX und xAI stammen.
Eine besondere Form der Eigenbluttherapie. Hilfe durch Selbsthilfe. Elon Musk und seine Unterstützer werden erkennen müssen: Selbst Götter sind machtlos, wenn die Menschen den Glauben an sie verlieren.