Kolumne „Out of the box“: Wie ist der Genius Score Ihres CEO?
Wie ausgefeilt unsere Pläne auch sind, es kommt immer anders, als man denkt. Mercedes-Chef Källenius kann ein Lied davon singen und mit CEO-Kollegen einen Chor gründen. Die Zeiten, in denen die Welt und die Kunden sich an Fünf-Jahres-Pläne hielten, sind für alle Zeit vorbei.
So drängt nun eine lange vernachlässigte Fähigkeit der Führungselite ins Scheinwerferlicht: die Kreativität. Das World Economic Forum hat sie unlängst zur zukunftsentscheidenden Fähigkeit erklärt. Die Extrem-Logiker von McKinsey haben nachgemessen und einen großen Hebel zur finanziellen Performance und Innovationskraft der Unternehmen gefunden.
Gestern nun hat eine neue Studie des Kienbaum-Instituts diesen Performance-Sprung mit sechzig Prozent errechnet („Welcome to the C-Suite“ von Publicis Group Germany und Creative Hive). Damit hängt die Kreativität die Künstliche Intelligenz um Längen ab.
Nur spielt Kreativität bisher in Unternehmen keine Rolle, weder im Einstellungstest, in der Zielvereinbarung noch in den Unternehmenswerten taucht das Wort auf. Dabei wurde einst jedes Unternehmen darauf erbaut.
Von den über acht Millionen Arten unseres blauen Planeten ist allein der Mensch in der Lage, die Welt nach seiner Vorstellung zu gestalten. Jeder von uns wird als kreatives Genie geboren. Ab dann geht es allerdings steil bergab. Die erschreckendste Zahl dazu liefert die Nasa.
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Sie hat schon 1968 in ihrem weltbewegenden Experiment nachgewiesen: Kleine Kinder sind mit 98 Prozent die kreativsten Wesen des Universums. Mit Beginn der Lehre, im Alter von 15 Jahren, erreicht der Genius Score nur noch zwölf Prozent, und mit dem Erreichen der ersten Führungsposition Anfang dreißig ist die Kreativität bei kaum noch messbaren zwei Prozent.
Für die Nasa ist Kreativität eine entscheidende und lebensrettende Fähigkeit. Während auf Erden bei Problemen der Hausmeister oder Schlüsseldienst hilft, ist man im All auf sich allein gestellt, wie wir bei Apollo 13 gesehen haben.
Wenn einem in 322.000 Kilometer Entfernung zur Erde der Sauerstofftank um die Ohren fliegt, braucht die Crew Erfindungsgeist, um wieder auf Kurs zu kommen. Die Astronauten um Kommandant Jim Lovell haben das Problem mit Socken, Pappe, Klebeband und Einfallsreichtum gelöst.
Die Kommandozentrale in Unternehmen ist anders besetzt: Hier geben Juristen, Ingenieure und Betriebswissenschaftler den Ton an und den Takt vor. Kreatives Denken war nie Teil ihrer Ausbildung. Vermutlich hat Kreativität deshalb keinen Fürsprecher und keinen Sitzplatz in der Chefetage.
„Command und Control“ ist out
Noch dramatischer, die Organisation selbst wird zur Killerapplikation für Freigeister. Effizienzdenke und Exceltabellen lassen keinen Raum für Gedankensprünge. Der Starrsinn hat System. Die Technologisierung nimmt zu und droht den kreativen Freiraum weiter zurückzudrängen, befürchten 58 Prozent der Mitarbeiter laut der Studie.
Doch ohne das farbenfrohe Denken wird jede Zukunft grau. Wohin wir auch blicken, jede Branche, jedes Unternehmen muss sich heute neu erfinden. Der antrainierte Führungsstil „Command und Control“ ist etwas für den Truppenübungsplatz, im Unternehmen heißt die Mission: „Create und Elevate“. Die Führungskräfte selbst müssen kreative Geister sein oder werden.
Die gute Nachricht: Kreativität ist ein Geschenk Gottes. Jeder trägt sie seit Geburt in sich. Sie kann einschlafen, aber jederzeit wieder geweckt werden. Ein Muskel, der trainiert werden kann und will. Kreativität ist die Fähigkeit, etwas Neues von Wert in die Welt zu bringen. Schaffenskraft pur. Sie beginnt im Kopf und verlangt den neuen Blick auf das Altbekannte.
Vorstellungsvermögen ist das Sprungbrett jedes Schöpfungsprozesses. Spielerische Leichtigkeit und Vielfalt sind die Treiber. So entsteht der Ideenreichtum, um aus dem Vollen zu schöpfen. Dann wird Risiko zum Gradmesser für Veränderungskraft. Risikoarmut bewegt kaum etwas beim Pulsschlag, im Markt und auf der Umsatzkurve. „Eine Idee, die nicht risikoreich ist, verdient es nicht mal, Idee genannt zu werden“, wusste schon Oscar Wilde.
Was ist nun die unternehmerische Aufgabe der Zukunft?
Es geht darum, die menschliche Form der KI, die „Kreative Intelligenz“ des Unternehmens, zu stärken. Die Führungsebene muss dafür den Anfang machen, sich und die Kultur verändern. So setzt sie ein Perpetuum Mobile in Gang: Mit wachsender Kreativität im Unternehmen wächst auch die Motivation der Mitarbeitenden.
Die Studie zeigt: Ihre Empfehlungsbereitschaft, der berühmte Net Promotor Score, ist um 44 Prozent höher. Nichts hat eine ähnlich leistungssteigernde Wirkung. Klingt nach einer ausgesprochen guten Idee.