Kolumne „Out of the box“: Wie sich KI mit Bequemlichkeit ins Leben schleicht
Es fühlt sich an, als wären wir in tiefen Morast geraten, jeder Schritt nach vorn ist ein echter Kraftakt. Es ist mühsam: politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Der Wirtschaftsmotor hat offensichtlich Sand im Getriebe.
Amy Web sieht das anders. Die US-amerikanische Futuristin und Professorin für strategische Zukunftsplanung erkennt in ihren Zukunftsanalysen überall Anzeichen für einen neuen „Supercycle“ – eine große Welle starken wirtschaftlichen Wachstums.
Ein Superzyklus verspricht eine starke Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, eine hohe Beschäftigungszahl, niedrige Inflation und viel technologische Innovation, oft über Jahrzehnte. Was früher die Dampfmaschine und die Elektrifizierung schafften, schafft nun die Künstliche Intelligenz (KI): Sie bringt unsere Welt und die Wirtschaft in Schwung. Die Zeitenwende ist da, und wir sind mittendrin.
Doch es gibt einen Unterschied, der unsere volle Aufmerksamkeit erfordert. Wo sich Dampfmaschine und Elektrizitätswerk zu schaffen machten, war mit bloßem Auge zu erkennen. Die KI agiert da anders.
Sie schleicht sich heimlich, still und leise in alle Bereiche unseres Lebens – ins Auto, ins Arbeitszimmer und an unser Handgelenk. „Convenience“ („Bequemlichkeit“) ist das Codewort, das ihr dabei Tür und Tor öffnet. Wo immer sie zu Werke geht, wird unser Leben bequemer. Wer kann dazu schon Nein sagen?
Wir werden zum Werkzeug der KI
Jetzt kommt der zukunftsentscheidende Teil: Um den Wissenshunger der Datenkrake zu stillen, braucht die KI-Industrie Daten, Daten, Daten. Sie hat dafür auch schon eine Idee: Der Mensch selbst wird zum ewigen Datenlieferanten. Die Künstliche Intelligenz rückt dem Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe.
Sie stattet ihn mit allem aus, was die Zukunft messen kann – der Uhr, um Herzfrequenz und Blutsauerstoff im Blick halten, dem Ring, um Schlaf, Temperatur und Periodenzyklus zu tracken, und einer Brille, die alles erkennt und alles speichert. Dank dieser „Wearables“ kann jeder Mensch bald tief in sein Innerstes blicken. „Always-on Computing“ („Ständig auf Verfügbarkeit“) ist die neue, endlos sprudelnde Erlösquelle.
Aus Nachtruhe wird Schlafperformance, jede Minute sichtbar. Die KI dreht den Spieß um, sie macht den Menschen zu ihrem Werkzeug, kennt ihn bald in- und auswendig, kann Daten auslesen und hochrechnen. Die ersten Apps kalkulieren nun, woran und wann genau wir sterben. Wenn Sie das nicht wissen wollen, Ihre Lebensversicherung oder Ihre Erben wird es interessieren – und vielleicht werden sie dafür sogar bezahlen.
Die Erlöse und die Möglichkeiten scheinen grenzenlos: eine Lifetime-App, die bei Ihrem Hauskredit ähnlich wie die Schufa-Auskunft verbindlich wird, damit es zur Unterschrift kommt. Der Leasinggeber Ihres neuen Sportwagens, der die Laufzeit Ihres Vertrags Ihrer Lebenszeit anpasst. Und möglicherweise kalkuliert auch Ihr Partner den Lifetime-Value, den „Lebenswert“, noch mal neu.
Dieser Mechanismus und die Wearables halten auch in den Unternehmen Einzug. Monitoring-Tools tracken die Aktivität und die Geschwindigkeit Ihrer Mitarbeiter und der Tastaturbewegung, die Apple-Tags wissen, wo der Vertriebler sich herumtreibt und was in Ihren Maschinen so los ist. Der Blick in ihr Innerstes ist Programm.
Seien wir uns bewusst: Nie mehr wird KI so unintelligent sein wie heute. Sie wird Tag für Tag klüger. Denn verschiedene Künstliche Intelligenzen werden in Zukunft gemeinsame Sache machen. Eine KI verbündet sich mit anderen Künstlichen Intelligenzen aus anderen Industrien. Mehr bringt mehr Erkenntnis und Erlöse.
Die Kombination von KI und Wearables wird die Gedankensprünge und Erlösquellen potenzieren. Die frei werdende Kraft ist gewaltig. Es gilt, sie zu kanalisieren. Denn in der Zukunft herrscht das Gesetz des Krösus: Was monetarisierbar ist, wird monetarisiert, auch wenn es auf Kosten anderer geht.
Wir sollten uns die KI wie einen Heiratsschwindler vorstellen: Er kennt alle Knöpfe, die er drücken muss, um zu bekommen, was er will. Er täuscht Interesse vor, ist jedoch in Wahrheit nur an unserem Geld interessiert.
Der Supercycle kommt, und wir müssen superwachsam sein. Die KI ist ein wirkmächtiges Werkzeug, das die Welt auf den Kopf stellen und die Wirtschaft in neue Höhen treiben kann. Doch zukunftsentscheidend ist, dass der Mensch am Drücker bleibt. Es wäre gut, wenn dieser Drücker an der einen oder anderen Stelle auch eine Stopptaste ist. Die KI kann so nicht denken, der Mensch schon.