Kolumne „Kreative Zerstörung“: Die neue Dimension des Denkens
ChatGPT ist unfassbar praktisch und das Ergebnis beeindruckend gut, meint Miriam Meckel.
Foto: dpaDas war schon ein durchwachsenes Jahr, das nun zu Ende geht. Ihren Krisenmuskel hat die Menschheit gleich gegen eine ganze Reihe von Stürmen kräftig trainieren müssen. Pandemie, Ukrainekrieg, Energie- und Wirtschaftskrise haben vieles wieder infrage gestellt, das wir im Zuge des Fortschritts als gesichert betrachtet hatten. Und doch: In der Menschheitsgeschichte haben wir gelernt, damit umzugehen und Lösungen zu finden. Nichts, was in 2022 geschehen ist, war gänzlich neu.
So mag es verwundern, wenn ich behaupte: Das Jahr 2022 hat auf seine letzten Tage noch etwas für uns auf Lager, das sich anders anfühlt. Gar nicht krisenhaft, eher wie die Verlängerung des Menschen in den Computer. Nicht zerstörerisch, sondern eher wie ein Füllhorn der Kreativität, das sich über nahezu alle täglichen Erledigungen ausschütten lässt. Und doch könnte es eine andere Art der Krise hervorbringen, als wir sie in diesem Jahr wieder erlebt haben.
Vor nur wenigen Wochen hatte Künstliche Intelligenz ihren ganz eigenen iPhone-Moment. So wie das iPhone den Menschen in aller Welt den alltäglichen mobilen Zugang zum Internet eröffnet hat, so haben nun Menschen in großer Zahl begonnen, KI für Text- und Bildproduktion zu verwenden. Weil es so einfach und im Ergebnis so beeindruckend ist, was diese KI, wie ChatGPT, Dall-Evon OpenAI - genannt generative KI -, produzieren kann.
Es sind nicht mehr allein die Nerds und die Expertinnen, die sie nutzen. Es ist jedermann und jederfrau. Und das macht einen existenziellen Unterschied für die Menschheit. Während das Tool aktuell gratis zu benutzen ist, erwarten die OpenAI-Gründer bis 2024 einen Umsatz von einer Milliarde Dollar.
Mit Systemen wie Dall-E oder ChatGPT hat die Revolution der generativen KI gerade erst begonnen. Einige Jahre und einige Hundert Millionen Dollar später werden wir beobachten können, wie sie unsere Zivilisation im Sturm genommen hat. Weil die Nutzung so einfach ist, die Ergebnisse so verblüffend gut sind und die eigene menschliche Kreativität eine Leistung ist, die Jahrzehnte des Lernens und der Übung voraussetzt.
Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.
Foto: Klawe RzeczySich auszudrücken, in Wort und Bild zu kommunizieren, ist die wesentliche Form menschlicher Existenz und gleichzeitig die größte Anstrengung, der ein Mensch sich über den Verlauf eines Lebens immer wieder unterziehen kann. Wofür so viel Arbeit, wenn es anders geht? Wenn man Sprache und Bild auf Knopfdruck produzieren lassen kann?
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Weil das Lesen und Schreiben Kulturtechniken sind, die Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen sind. Nicht nur durch die regelmäßigen PISA-Studien wissen wir, wie wichtig die Lese- und Schreibkompetenz ist. Nur wer die Sprache als aktives und passives Instrument beherrscht, findet sich eigenständig in der Welt zurecht.
Wenn wir lesen und schreiben, legen wir eine Spur der Wirklichkeit in uns selbst aus, die uns idealerweise in die Lage versetzt, als aufgeklärte Individuen durchs eigene Leben und die Welt zu gehen. Dabei macht es schon einen Unterschied, ob man auf Papier oder am Computer liest oder schreibt: Etwas zu begreifen heißt zunächst mal, es anzufassen. Erst im zweiten, abstrakten Sinne heißt es, seine Bedeutung zu verstehen.
Es gibt eine ganze Forschungsrichtung der Kulturwissenschaften, die darauf pocht, dass die Handschrift diese Spur des Lernens im eigenen Gehirn nachhaltiger zieht als jedes Tippen auf dem Computer. Es stimmt tatsächlich, dass beim Schreiben die lineare Ordnung der Buchstaben eine Idee von der inneren und historischen Ordnung der Dinge voraussetzt, die man zu beschreiben ansetzt. Aber selbst diejenigen, die solche Positionen als kulturpessimistischen Hokuspokus abtun, sollten bei ChatGPT zwei Mal nachdenken.
Miriam Meckel: Der traditionelle Essay in Schule und Universität ist tot
Der Chatbot von OpenAI läutet die nächste Generation der Internetsuche ein. Mithilfe einer beschreibenden Eingabe (auf Englisch „Prompt“) erhält man einen ausformulierten Text, eine Begrüßung, einen Essay, ein Gedicht oder die Gliederung eines Buches.
Wenn Millionen von Menschen nun wie die Verrückten mit ChatGPT kommunizieren, dann deshalb, weil es so unfassbar praktisch und das Ergebnis tatsächlich beeindruckend gut ist. ChatGPT wird so zum persönlichen Tutor, zum Lernhelfer eines jeden Menschen. Der Bot kann Informationen finden und neu zusammensetzen in einer Geschwindigkeit, die Menschen mit ihrem Gehirn niemals erreichen werden.
Der traditionelle Essay in Schule und Universität ist damit tot. Der Typ Essay also, der auf langweiligen, stereotypen Fragestellungen von Lehrern basiert, die keine Lust haben, sich anzustrengen. Auf solch ein Verhalten reagiert ChatGPT ebenso allergisch wie der Mensch: Der Bot produziert generische, nichtssagende Texte.
Die Kunst im Umgang mit generativen KI-Systemen wird in Zukunft mehr darin liegen, treffende, detaillierte Fragen zu stellen, als selbst gute Antworten zu kennen. Darin könnte eine Chance liegen, denn die richtigen Fragen sind der Anfang aller Erkenntnis.
Bildung müssen wir neu erfinden
Wenn wir aber das Lernen an die KI outsourcen können, warum sollen wir uns damit dann noch selbst quälen? Studien haben gezeigt, dass Menschen sich nicht mehr die Mühe machen, Informationen in ihrem Gedächtnis zu speichern, wenn sie wissen, sie dürfen alles im Internet nachschauen. Diejenigen, die das nicht dürfen oder können, sind sehr viel besser im eigenständigen Erinnern.
Angesichts dessen ziehen ein paar Schleierwolken der systemischen Verdummung durch kluge KI am Horizont auf. Wollen wir nicht irgendwann in einer Endlosschleife eines immer neuen Remix historischer Daten durch Chatbots stecken bleiben, müssen wir Bildung neu erfinden. Dazu gehört das Verständnis darüber, wie solche generativen KI-Systeme funktionieren. Das gehört ab sofort in jedes Schul- und Universitätscurriculum. Wir müssen auch neu lernen zu lernen und dafür menschliche und Künstliche Intelligenz als Partner begreifen.
Das ist nicht weniger als eine neue Aufklärung. Die hat Immanuel Kant 1784 mit „sapere aude“ beschrieben: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen." Damals ging es um die Kraft des Individuums, durch freies und autonomes Denken die Welt zu verstehen und zu verändern. Heute geht es um eine ganze Spezies - den menschlichen Verstand, der nur durch den Menschen selbst geschärft werden kann. Was KI dann damit macht, ist ein neues Kapitel. Die Aussichten sind gerade recht stürmisch.
In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Denn was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling. ada-magazin.com