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RESET – die Kolumne zum Wochenende Warum wir aufhören sollten, die Krise als Chance zu feiern

Thomas Tuma hat während der Pandemie schon viele Parolen und Phrasen gelernt – aber eine toppt bislang doch alle anderen.
08.01.2021 - 09:00 Uhr 2 Kommentare
Jeden Freitag hinterfragt der Kolumnist ein aktuelles Thema und fordert – wenn nötig – einen System-Neustart. RESET eben.
Thomas Tuma

Jeden Freitag hinterfragt der Kolumnist ein aktuelles Thema und fordert – wenn nötig – einen System-Neustart. RESET eben.

Welche guten Vorsätze haben Sie mit ins neue Jahr genommen? Früher hat es gereicht, sich das Rauchen abzugewöhnen oder wenigstens den Bauchspeck loswerden zu wollen. Aber früher ist lange her. Corona hat uns angeblich irgendwie tiefer gemacht, nachdenklicher, grundsätzlicher, sodass nun schon auf den Wachsmalbildern von Erstklässlern mit Bekenntnissen zu rechnen ist wie: „Ich wihl das Kliema retten. Jetz!“ Sofern die irgendwann wieder in die Schule dürfen.

Gegen diese Art politischer Früherziehung ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden. Meine eigenen Vorsätze fallen indes bescheidener aus: Ich will nie mehr den Satz nachplappern, dass die Krise auch eine Chance ist.

Zwar haben wir uns zuletzt an viele Aussagen gewöhnt, die vorher niemand verstanden hätte, zum Beispiel: „Die Sieben-Tage-Inzidenz hat ein neues Rekordhoch erreicht.“ Wenn Sie derlei noch 2019 durch eine deutsche Fußgängerzone Ihrer Wahl gerufen hätten, wäre Ihnen schnell ärztliche Hilfe angeboten worden. Aber anders als unser neues Corona-Fachvokabular ist „Die Krise als Chance“ dümmer und raffinierter zugleich.

Dümmer, weil die Phrase uns den Blick auf das Wesentliche verstellt, nämlich das Vergangene: die Ursachen der Krise selbst. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“, war schon die Losung von Erich Honecker, dessen DDR damit bekanntlich keine allzu große Zukunft hatte. Raffinierter ist das Credo, weil es uns vorgaukelt, dass man überhaupt eine Krise als Katharsis braucht, um voranzukommen. Ich kann Ihnen versichern: Mein Leben war nicht während irgendwelcher Krisen am schönsten.

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    Weil die „Krise als Chance“ aber inflationär überall ist, ist sie zugleich nirgends, obwohl der Satz sogar schon Wolfgang Schäuble rausgerutscht ist. Und der hat eigentlich immer recht. In einem Interview erklärte der Bundestagspräsident, die Pandemie könne uns helfen, manche Dinge endlich besser zu machen, „die vorher nicht so gut gelaufen sind“. Schäuble nannte Themen wie Nachhaltigkeit, instabile Finanzmärkte, Tierschutz.

    Vor allem eine Projektionsfläche für persönliche Wünsche

    Das zeigt eigentlich nur, dass „die Krise als Chance“ vor allem eines ist: eine Projektionsfläche für persönliche Wünsche. Ein Silvester-Vorsatz für Fortgeschrittene sozusagen.

    Für Greta Thunberg ist Corona eine Chance, endlich den Klimawandel zu stoppen, für die britische Globalisierungskritikerin Noreena Hertz ein Beleg für das nahende Ende der Globalisierung, für Zalando der Beweis, dass alles noch viel digitaler werden kann und muss.

    Und eine Kollegin von mir freute sich, dass wir „jetzt endlich auch weniger reisen dürfen“. Sie hat mir erzählt, wie „wahnsinnig reinigend“ sie es fand, im Spätsommer barfuß auf der mecklenburgischen Seenplatte den Morgentau an den nackten Fußsohlen zu spüren, statt auf den Malediven abzuhängen, wie eigentlich geplant.

    Das puristische Gras-Getrampel hätte sie zwar auch erleben können, ohne dass dafür der gesamte Welttourismus zum Corona-Kollateralschaden wurde. Aber sie ist fest davon überzeugt, „dass die Pandemie unsere alte Urlaubsgier endlich verändern wird“. Und dass das gut ist.

    Nun ja… erzählen Sie das mal dem Lufthansa-Chef Carsten Spohr! Ich habe ihn vor gut einem Jahr das letzte Mal gesprochen, ahne aber, dass sich seine Begeisterung in Grenzen hält, neuerdings hauptsächlich dafür bezahlt zu werden, Hunderte von Flugzeugen stillzulegen und Zehntausende von Jobs zu streichen.

    Ähnliches gilt für Unternehmen wie Tui oder Kreuzfahrtreedereien, Reisebüros und -führer, Flughäfen, Mietwagenfirmen, Hotels, Kneipen, Bars und Restaurants, für Kulturschaffende, Eventmanager und natürlich auch für die Bäcker, Metzger, Blumenhändler und Putzfrauen, die wiederum von diesen Branchen leben. Bei all denen fällt die „Krise als Chance“ auf allenfalls bedingt fruchtbaren Boden.

    Corona ist kein Weckruf für irgendwas. Quelle: dpa
    Passant geht an einem geschlossenen Kino vorbei

    Corona ist kein Weckruf für irgendwas.

    (Foto: dpa)

    Es ist ohnehin interessant: Wer in den vergangenen Monaten auch nur leise Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen anmeldete, musste sich sofort den Vorwurf anhören, Alte und Kranke auf dem Altar des Großkapitals opfern zu wollen. Die Apologeten der „Krise als Chance“ nehmen hingegen existenzielles Elend von Millionen schulterzuckend in Kauf.

    Aus dem Poesiealbum des Betriebswirts wird hier gern Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ zitiert, die Großmutter der „Krise als Chance“. Beide Ideen sind groß. Vielleicht ein bisschen zu groß. Wer darüber spricht, hat trotz der vermeintlichen Weite einen erstaunlich engen Horizont – oder ist eben Motivationstrainer, Outplacement-Berater, Apotheker, Insolvenzverwalter oder Onlinehändler. Das nämlich sind die Professionen, für die die Krise wirklich eine Chance darstellt.

    „Tschakaa, erfinde dich neu“, schreit uns der Coach entgegen. „Jetzt können wir endlich die Leute loswerden, die wir schon vor Corona nicht brauchten“, sagt der Personalvorstand. Und bei Amazon lachen sie sich eh einen Ast, dass ihre Plattform jetzt noch ein paar Fantastilliarden mehr wert ist, weil wir Kunden dank Lockdown ja nicht mal mehr durch unsere Innenstädte flanieren dürfen.

    Corona ist kein Weckruf für irgendwas. Viren rufen nichts, sie sind einfach nur da. Insofern ist diese Krise nur eines: eine Krise. Und als solche einfach verdammt anstrengend. Wenn Sie also mir und sich selbst einen Gefallen tun wollen, lassen Sie uns nicht mehr allzu viel von den tollen Chancen schwärmen, die diese Krise angeblich bietet, sondern einfach den Schutt wegräumen.

    Und wenn Sie’s doch irgendwie kommentieren wollen, empfehle ich eine Floskel, die das Gleiche sagt wie die „Krise als Chance“, nur ohne das ganze Motivations- und Optimierungsgedöns, auch ohne den Selbstbetrug. Sagen Sie einfach: Es kann nur besser werden.

    Sie sehen das anders – oder haben Anmerkungen, Fragen, vielleicht ein Thema, um das sich diese Kolumne auch mal kümmern sollte. Diskutieren Sie unten mit unserem Autor oder wenden Sie sich vertrauensvoll direkt an ihn: [email protected]

    Mehr: Maßnahmen gegen das Virus: Der Lockdown 2.0 ist ein Fehler. Ein Kommentar von Thomas Tuma.

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    2 Kommentare zu "RESET – die Kolumne zum Wochenende: Warum wir aufhören sollten, die Krise als Chance zu feiern"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Diese Kolumne finde ich großartig und könnte von mir geschrieben sein, da die niedergeschriebenen Gedanken mit den meinen komplett übereinstimmen.
      Leider kann ich es nicht so gut formulieren und leider gibt es zu wenige davon, die ihren gesunden Menschenverstand so klar und eindeutig öffentlich artikulieren.
      Danke Herr Tuma.

    • Schlauer Mann, Herr Tuma.

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