Der Chefökonom – Kommentar: China altert rasant – und könnte deshalb die eigenen Ziele verfehlen

Die chinesische Bevölkerung altert als Folge der Ein-Kind-Politik rasant.
Foto: BloombergChinas rascher Aufstieg ist historisch beispiellos. Das Land wurde vom bitterarmen Agrarstaat zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.
Binnen eines halben Jahrhunderts vervierzigfachte sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf. Ein scheinbar unerschöpfliches Reservoir an billigen Arbeitskräften machte China erst zur Werkbank der Welt, dann zum zweitwichtigsten Zielland deutscher Exporte und seit einiger Zeit zum ärgsten Widersacher der Vereinigten Staaten im Ringen um die geopolitische Vorherrschaft.
Ökonomisch war der chinesische Staatskapitalismus bisher ein riesiger Erfolg. In der Weltrezession nach der globalen Finanzkrise 2008/09 wurde das Land mit seinen gigantischen Konjunkturpaketen zum Retter und wenig später zum Taktgeber der Weltkonjunktur.
Während weite Teile der Bevölkerung der westlichen Provinzen bitterarm blieben, kamen in den östlichen Provinzen immer mehr Bürger zu Wohlstand; nicht wenige wurden reich, einige sogar superreich. Der Immobilienmarkt wuchs exzessiv, und zeitweise gehörten Chinas Tech-Konzerne zu den wertvollsten Unternehmen der Welt.
Es schien keine Frage mehr zu sein, dass China deutlich vor dem vorgegebenen Jahr 2049, dem 100. Jahrestag der Machtergreifung der Kommunistischen Partei, zur größten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen würde.
Zweifel an China
Mittlerweile sind Zweifel angebracht. Die US-Investmentbank Goldman Sachs verschob jüngst ihre eigene Prognose von 2011, nach der China im Jahr 2025 die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen werde, um eine Dekade nach hinten. Und falls Chinas Wirtschaft dauerhaft real um nur einen Prozentpunkt stärker als die US-Wirtschaft wachsen sollte, würde es bis Mitte des Jahrhunderts dauern, bis China die USA mit der wirtschaftlichen Gesamtleistung überholt hätte.
Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass sich Chinas Wachstum dauerhaft abschwächen könnte. Zum einen verteidigen die USA ihren politikökonomischen Spitzenplatz mit zunehmender Aggressivität. Der von US-Präsident Barack Obama 2012 verkündete „Pivot to Asia“ lenkte den Blick der US-amerikanischen Politik gen Osten – nicht zuletzt, um Chinas Aufstieg auszubremsen.
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattDie berechtigte Sorge war und ist, dass China seine wirtschaftliche Potenz nutzen würde, um den geopolitischen Einfluss auszuweiten. Daher adaptierten die USA einen strategischen Mix aus Zöllen, Exportbeschränkungen und Verboten des Transfers moderner Technologien. Die damit verbundene bewusste Schwächung des multilateralen Freihandels macht auch Deutschland zu schaffen.
Corona hat Chinas Aufstieg gebremst
Schweren Schaden erlitt das chinesische Wirtschaftswunder durch die fatale Coronapolitik der Staatsführung. Fast drei Jahre Ausnahmezustand und Mega-Lockdowns ließen nicht nur in der Bevölkerung den Ruf nach Freiheit laut werden, sondern auch den versprochenen Wohlstandszuwachs zeitweise enden.
Der scheinbar grenzenlose Optimismus, der die Bevölkerung bislang einte, ist verflogen. In einer Umfrage unter 50.000 Beschäftigten befürchtete jeder zweite, dieses Jahr seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Offiziellen Zahlen zufolge wuchs die Volkswirtschaft 2022 lediglich um drei Prozent, im laufenden Jahr sollen es schwache fünf Prozent werden.
Die Verunsicherung ist groß: Im Januar wurden 40 Prozent weniger Autos verkauft als im Vorjahresmonat, der Verkauf von Wohnungen brach um ein Drittel ein, und die Anzahl der Geburten ging weiter zurück. Im vergangenen Jahr wurden nur noch 9,5 Millionen Neugeborene gezählt, vor fünf Jahren waren es noch doppelt so viele. Die Bevölkerung altert nicht nur rapide, sie schrumpft nun auch – erstmals seit 60 Jahren.
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Ende Dezember 2022 hatte China 1,412 Milliarden Einwohner und damit rund 850.000 Menschen weniger als 2021. Die Schanghaier Akademie der Wissenschaften schätzt, dass sich die Bevölkerung bis zum Jahr 2100 um nahezu 60 Prozent verringern werde, sofern es zu keiner deutlichen Erhöhung der Geburtenrate komme.
Wichtiger für die Wachstumsperspektiven als der Rückgang der Bevölkerung ist, dass der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter markant sinkt: In zwölf Jahren wird nahezu ein Drittel der Bevölkerung Chinas älter als 60 Jahre alt sein – eine in Deutschland gut bekannte Entwicklung. Was in Deutschland eine Folge des „Pillenknicks“ Ende der 1960er-Jahre war, ist in China die 40 Jahre lang rigide durchgesetzte „Ein-Kind-Politik“.
Derzeit kommt auf vier Beitragszahler ein Rentenempfänger. Im Jahr 2050 dürften es bei unveränderten Regelaltersgrenzen allenfalls noch zwei Beitragszahler pro Rentenbezieher sein. Schwer vorstellbar, dass ein ergrautes China die Vormachtstellung in der Welt übernehmen kann.
Chinas Rentensystem steht vor großen Problemen
Bleibt es bei den geltenden Altersgrenzen von 60 Jahren für Männer und 50 Jahren für Frauen beziehungsweise 55 Jahren für Akademikerinnen, dürfte China bald mit einem ausgeprägteren Fachkräftemangel konfrontiert sein als Deutschland – nur dass China deutlich schlechter darauf vorbereitet ist. Echte Arbeitsimmigration gibt es nicht; vor der Coronapandemie lebten nur etwa 700.000 Ausländer in dem Riesenreich.
In Zukunft könnten China zahlreiche Arbeitskräfte fehlen.
Foto: imago images/XinhuaÜberdies gilt das zersplitterte Rentensystem als überlastet. Höhere Regelaltersgrenzen sind ähnlich unpopulär wie hierzulande, aber zweifellos eine potenzielle Stellschraube, einem rückläufigen Trendwachstum zu begegnen. Und während in China die Geburtenrate im vergangenen Jahr auf dem Rekordtief von 6,77 Geburten pro 1000 Einwohner lag, wächst die Bevölkerung der USA als Folge einer höheren Geburtenrate von 10,9 Kindern pro 1000 Einwohner und nicht zuletzt durch Zuwanderung stetig.
Eine Lösung für dieses demografische Problem hat die Führung bislang nicht; sämtliche Appelle, die Geburtenzahlen zu steigern, sind bislang verpufft. Die Politik konnte zwar einen markanten Rückgang der Geburtenrate erzwingen, doch eine Steigerung durchzusetzen, das dürfte selbst der Kommunistischen Partei Chinas nicht gelingen.
Wohl auch deshalb versucht Peking mit dem neomerkantilistischen Projekt der „Neuen Seidenstraße“, Schwellenländer an sich zu binden. Dieses Konzept dürfte Absatzmärkte, billige Produktionsstandorte und die Rohstoffversorgung sichern. Doch wer zukünftig in den inländischen Fabriken die Arbeit erledigen soll, ist ungeklärt. Überdies machen angesichts deutlich gestiegener Löhne ausländische Investoren bereits heute oft einen Bogen um China – zumal die politische Führung während der Pandemie und mit ihrem diplomatischen Schleiertanz im Ukrainekrieg im Ausland viel Kredit verspielt hat.
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Im Gegensatz dazu versuchen die USA mit unverhohlenem Protektionismus, Investitionen und damit Produktionsstätten und Arbeitsplätze ins Inland zu locken. Donald Trumps Vorliebe für Zölle und Joe Bidens „Inflation Reduction Act“ unterscheiden sich in der Wortwahl, in Zielrichtung und Wirkung sind sie aber sehr ähnlich.
Die deutsche Wirtschaft hat lange vom Aufstieg Chinas profitiert. Nun ist es aber an der Zeit, die Hoffnung auf ein ewiges Wirtschaftswunder zu revidieren. Diese Zeitenwende haben noch nicht alle Topmanager erkannt.