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Der Chefökonom – KommentarWie moderne Technik den Fachkräftemangel lindern kann

Deutschland fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Zuwanderung allein kann dieses Problem nicht lösen. Es gilt daher, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen.Bert Rürup, Jörg Lichter 31.03.2023 - 11:30 Uhr
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In Deutschland herrscht Fachkräftemangel.

Foto: SMB

Deutschlands Wirtschaft leidet unter akutem Arbeitskräftemangel. Ob in der Pflege, in der Gastronomie, im Handwerk oder in den IT-Branchen, nahezu überall klagen die Arbeitgeber über Personalmangel.

Mussten in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren angesichts von Massenarbeitslosigkeit, die nach einer Beschäftigung Suchenden fast jeden Arbeitsplatz annehmen, so kann sich heute die Generation Z – die nach 1995 Geborenen – vor Angeboten kaum retten.

Laut Bundesagentur für Arbeit ist Deutschland für eine geraume Zeit auf 400.000 qualifizierte Zuwanderer pro Jahr angewiesen, wenn die aktuelle Erwerbstätigenzahl stabil bleiben soll. Dies ist die Folge des Ausscheidens der Babyboomer aus dem Erwerbsleben, also der geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 1950er- bis Ende der 1960er-Jahre.

Ohne Zuwanderung würde die Zahl der 20- bis 65-Jährigen bereits im Jahr 2030 etwa elf Prozent niedriger liegen als im Jahr 2020. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sieht sogar einen jährlichen Zuwanderungsbedarf von einer Million Menschen im erwerbsfähigen Alter, wenn die Relation zwischen Erwerbstätigen und Rentenempfängern konstant bleiben soll.

Auf jeden Fall würde ein sinkendes Arbeitsangebot das Wachstumspotenzial der deutschen Volkswirtschaft verringern und die Einnahmenbasis der lohnzentrierten Sozialversicherungen erodieren lassen.

Nun ist Arbeitskräftemangel in Deutschland kein neues Phänomen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts machte die hohe Arbeitskräftenachfrage, vor allem im Ruhrgebiet, Deutschland zum zweitgrößten Einwanderungsland der Welt.

Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.

Foto: Handelsblatt

Und im Dezember 1955 schloss die Bundesrepublik mit Italien das erste Anwerbeabkommen ab. Es folgten Verträge mit Griechenland und Spanien, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien und Südkorea.

Dennoch sind Zweifel angebracht, dass – wie in den 1950er- und 1960er-Jahren – die deutsche Volkswirtschaft allein über Arbeitsmigration auf dem gewohnten Wachstumspfad gehalten werden kann.

Ab Mitte der 1950er-Jahre drängten die Arbeitgeber die Regierung zum Abschluss jener Anwerbeverträge, um den im Zuge des „Wirtschaftswunders“ steigenden Arbeitskräftebedarf zu decken, insbesondere nachdem im August 1961 mit dem Mauerbau der Zustrom aus der DDR gestoppt wurde.

Gastarbeiter bildeten eine neue Unterschicht

Vor allem Betriebe, in denen schwere körperliche Arbeit geleistet wurde – also in den Industrien des Eisen- und Stahlsektors oder der Asbestverarbeitung –, waren auf willige und kostengünstige Arbeitskräfte angewiesen.

Gleichermaßen versuchten Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie, die aufgrund des scharfen internationalen Wettbewerbs weder höhere Löhne zahlen noch die Arbeitsbedingungen verbessern konnten oder wollten, durch den Einsatz von „Gastarbeitern“ dem bereits damals bestehenden Globalisierungsdruck standzuhalten – vergeblich, wie man heute weiß.

Die Anzahl der ausländischen Beschäftigten in der Bundesrepublik stieg von rund 100.000 im Jahr 1957 auf etwa 2,6 Millionen bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 an. Dies waren zwölf Prozent der damaligen Erwerbstätigen.

Aufgrund des Rotationsprinzips war die Fluktuation der ausländischen Arbeitskräfte enorm hoch – denn sie sollten im Regelfall nur ein Jahr in Deutschland arbeiten. Von den insgesamt 14 Millionen Gastarbeitern, die bis 1973 in die Bundesrepublik kamen, kehrten mehr als elf Millionen in ihre Heimatländer zurück. Allerdings wurde dieses Rotationsprinzip zunehmend durchlöchert, denn die Unternehmen wollten ihr eingearbeitetes Personal behalten.

Verringerung der Teilzeitarbeit bietet Potenzial

Da die ungelernten ausländischen Arbeitskräfte durchweg die untersten Ränge in der Beschäftigungshierarchie einnahmen, bildeten die „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik eine neue Unterschicht. Es war das Verdienst des Journalisten Günter Wallraff dieses Prekariat in seinem Bestseller „Ganz unten“ ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Heute muss sich die deutsche Politik die Frage stellen, wie solche Fehlentwicklungen vermieden werden können, wenn Jahr für Jahr mindestens 400.000 Menschen aus fernen Kulturkreisen kommen sollen – mitsamt Familien.

Bei einem Versuch, diese unbequemen Fragen zu beantworten, wird schnell klar, dass Zuwanderung allein das Problem des sinkenden inländischen Erwerbspersonenpotenzials nicht lösen kann, sondern nur Teil eines Maßnahmenbündels sein kann.

So gilt es als erstes, das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen – nicht zuletzt durch die Verringerung der Teilzeitarbeit. Arbeiteten 1991 erst 14 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, waren es 2021 schon fast 30 Prozent. Nahezu jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet heute in Teilzeit, obwohl die Bildung der Frauen inzwischen höher ist als die der Männer.

Digitale Systeme können Arbeitnehmer entlasten

Dies ist wichtig, wird aber nicht ausreichen. Daher ist es zwingend erforderlich, den technischen Fortschritt, konkret die Digitalisierung, stärker als bisher zu nutzen. Das Potenzial ist gewaltig; denn mittlerweile können Roboter im Zusammenwirken mit Computerprogrammen – zumindest teilweise – immer mehr menschliche Tätigkeiten ersetzen.

Nach jüngsten vorliegenden Daten (Stand 2019) arbeiteten laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung mehr als ein Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – immerhin 11,3 Millionen – in Berufen, in denen Tätigkeiten zu 70 bis 100 Prozent durch Computer oder computergesteuerte Maschinen erledigt werden können – fast dreimal so viele wie noch 2013.

Doch Computeralgorithmen und Roboter können nicht nur menschliche Arbeit ersetzen. Sie können vor allem entlasten, unterstützen und dazu beitragen, ein bisher nicht ausgeschöpftes Arbeitskräftepotenzial zu mobilisieren, zum Beispiel Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung.

11,3
Millionen
Beschäftigte in Deutschland arbeiten in Berufen, in denen Tätigkeiten zu 70 bis 100 Prozent durch Computer oder computergesteuerte Maschinen erledigt werden können.

Wenn es gelingt, die mit der Digitalisierung verbundenen Produktivitätspotenziale zu heben, könnte Deutschland auch mit weniger Arbeitskräften auf seinem bisherigen Pfad des Trendwachstums von knapp 1,5 Prozent pro Jahr bleiben.

Modernisierungsschub könnte Kräfte freisetzen

Zudem könnte damit eine Fehlentwicklung der Wirtschaftswunderjahre vermieden werden. Denn bis zum Zuwanderungsstopp 1973 behinderte und verzögerte die Zuwanderung billiger ausländischer Arbeitskräfte den Strukturwandel. Im Rückblick wirkten die Gastarbeiter wie eine Subvention für die „alten“ Industrien.

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Mutmaßlich wird sich der Strukturwandel beschleunigen. Die Politik wird das damit einhergehende Ausscheiden von Unternehmen sozialpolitisch flankieren müssen. Keinesfalls sollte versucht werden, diese Prozesse zu stoppen.

Denn ein kräftiger Modernisierungsschub in Verwaltung und Wirtschaft könnte ein wichtiger Beitrag sein, um dem demografisch bedingten Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. Der ausgeprägten Technikfeindlichkeit, die in nicht wenigen gesellschaftlichen Kreisen verbreitet ist, sollte in einer zukunftsorientierten Politik für unsere alternde Gesellschaft kein Raum gegeben werden.

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