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KommentarDrei Gründe, warum die Popularität der AfD in Umfragen steigen wird

Sie sitzen auf Podien, erreichen in Umfragen 39 Prozent, geben sich zahm: Die AfD macht sich mitten in der Gesellschaft breit. Die Verbotsdebatte schadet da eher.Sven Prange 08.09.2025 - 15:36 Uhr
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Demonstration am Freitag in Tübingen gegen die AfD: Strategie gescheitert. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Dass der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer am Wochenende eine Stadthalle für eine Podiumsdiskussion mit einem AfD-Spitzenmann füllte, ist weniger Skandal als Symptom.

Es eignet sich kaum als Skandal, weil Vertreter der rechtsextremen Partei längst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in frei zugänglichen Medien Foren für ihre absurden Thesen finden. Und so ist diese Veranstaltung, bei der an einem Freitagabend 800 Menschen zusammenkamen, so viele wie sonst im Theater oder Kino, ein Symptom: Dafür, dass die AfD sich allen Warnungen und Brandmauer-Beschwörungen zum Trotz in der Mitte der Gesellschaft festsetzt.

Weit mehr noch als bei Veranstaltungen drückt sich das beim Blick auf die Umfragen aus: Erstmals erreicht die Partei konstant 25 Prozent im Bund, erstmals 39 Prozent in Sachsen-Anhalt, erstmals liegen ihre Zustimmungswerte in der Nähe derer der SPD in Nordrhein-Westfalen, erstmals kommt sie in der empfundenen Wirtschaftskompetenz bei den Wählern bundesweit auf Platz zwei.

Eine bittere Erkenntnis

Man kann nun natürlich weiterhin darüber klagen, dass diese AfD ein wachsendes Problem für den Standort Deutschland ist, entspringen doch die meisten ihrer programmatischen Forderungen nach Ansicht fast aller seriösen Wissenschaftler dem ökonomischen Tollhaus. Man kann weiter warnen, dass demokratiegefährdende Energie von dieser Partei ausgeht, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingruppiert wird. Und man kann daran verzweifeln, dass mit dieser Partei eine unschöne Melange aus Wissenschaftsskepsis und Querdenkertum immer einflussreicher wird.

Das alles ist richtig und wichtig, nur es schützt vor einer Erkenntnis nicht: Alle Warnungen, alle Brandmauern und Abgrenzungsversuche haben den Aufstieg zur stärksten bis zweitstärksten Umfrage-Partei in fast allen Regionen Deutschlands jenseits der großen Städte nicht verhindert.

Populismus

Boris Palmer wollte die AfD entzaubern – und dann passierte das

Insofern hat der Tübinger Palmer schon recht, wenn er den Kritikern seiner Veranstaltung mit AfD-Spitzenmann Markus Frohnmaier entgegenhält: Eure Strategie hat die AfD doch auch nicht kleingehalten.

Das Problem ist nun: Ob seine Strategie besser ist, ist einerseits unter Historikern und Politikwissenschaftlern mehr als umstritten. Und andererseits wird es dauern, bis sich das belegen ließe. Bis dahin dürfte die AfD weiter von Umfragehoch zu Umfragehoch eilen, weil drei Dinge gerade für sie günstig zusammenkommen.

Grund 1: Inhalte abarbeiten allein reicht nicht

Die These vor allem in der Union war bisher: Nimmt man der AfD das Thema Migration, nimmt man ihr auch den Zuspruch bei den Wählerinnen und Wählern. Die Zwischenbilanz dieser These überzeugt nicht. Seit Monaten erfüllt die Bundesregierung in der Migrationspolitik eine AfD-Forderung nach der nächsten. Die Zahl der Asylbewerber ist um mehr als 60 Prozent gefallen. Trotzdem steigen die Umfragewerte der AfD.

Das könnte an der alten politikwissenschaftlichen Erkenntnis liegen, dass die Menschen umso mehr das politische Original wählen, je eindeutiger die anderen Parteien deren Politik übernehmen. Das könnte aber auch an einem neueren Phänomen liegen: Wer einmal mit AfD-Sympathisanten gesprochen hat, lernt: Die meisten sind nicht gegen die Demokratie. Aber sie bekommen nicht mehr unbedingt alles mit, was in dieser Welt passiert.

Viele, nicht alle, sind so geschlossen in irgendwelchen Parallel-Mediensystemen unterwegs, in denen ausschließlich mit Propaganda und Fake-News gearbeitet wird, dass sie für Dinge außerhalb des AfD-Universums kaum erreichbar sind. Ein Phänomen, das etwa aus der Anhängerschaft von Donald Trump in den USA nicht nur überliefert sondern auch erforscht ist.

Grund 2: Die professionelle Fassade wird stabiler

Vor allem in Westdeutschland und in der Bundesspitze ist ein Prozess zu beobachten, bei dem AfD-Spitzenleute bewusst auf Skandalöses verzichten und die Radikalen in ihren Reihen zumindest verbal ausgrenzen.

Unabhängig davon, dass es viele Belege dafür gibt, dass das alles Fassade ist. Wer einmal einen Markus Frohnmaier auf einer Bühne live erlebt hat, der wird inhaltlich nicht überzeugt sein – aber danach auch nicht das Gefühl haben, dort einen irren Radikalen erlebt zu haben. Das senkt für viele bürgerliche Wähler die Hemmschwelle gegenüber der Partei.

Grund 3: Die anderen Parteien haben kein überzeugendes Personalangebot

Viele Wählerinnen und Wähler wissen, dass die Rezepte der demokratischen Mitte rational die besseren sind. Nur: Sie vertrauen diesen Parteien nicht, das umzusetzen. Und das liegt vor allem am Personal.

Vizekanzler Klingbeil, Kanzler Merz: Zwei ohne Strahlkraft. Foto: Michael Kappeler/dpa

Ob CDU, SPD oder Grüne – alle drei großen Alternativen der Mitte zur AfD werden von Menschen geführt, die gesellschaftlich nicht akzeptiert sind. Schon innerhalb ihren eigenen Parteien und Fraktionen sind sie nicht akzeptiert, wie ihre internen Wahlergebnisse ausweisen.

Der Soziologe Harald Welzer nannte die Personalie Bärbel Bas neulich einen „Taschenspielertrick“. Was er damit sagen wollte: Die SPD zaubert jemanden aus dem Hut, der vermeintlich der Wunsch-Wählerschaft entspricht. Weil man sie aber innerhalb der Partei erkennbar kurzhält und auch programmatisch nichts ändert, durchschauen die Wähler dieses Manöver und wenden sich erst recht ab.

Ein Verbot ist eine Variante, eine schleppende Verbotsdiskussion nicht

Das Gute ist: Das alles folgt keinen Naturgesetzen. Es steht nirgendwo geschrieben, dass die AfD auch bundesweit weiter Richtung 30 oder gar 40 Prozent Zustimmung marschieren muss.

Die Frage ist nur, ob die gerade mal wieder anschwellende Verbotsdebatte das ändert. Es spricht vieles dafür, dass eine Demokratie auch wehrhaft sein sollte, wenn sich diese Wehrhaftigkeit auch gegen einen relevanten Beölkerungsanteil richtet. Eine über Monate geführte Debatte, ob nun ein Verbotsverfahren sinnvoll ist oder nicht, legt aber vor allem die Zerstrittenheit der Mitte offen – und nicht die Verfassungsfeindlichkeit der AfD. Also: Wenn es Gründe gibt, die AfD zu verbieten, sollte man dies das Bundesverfassungsgericht zügig prüfen lassen. Scheut man sich vor dieser Prüfung, sollte auch die Diskussion enden.

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Denn um die Partei wirklich klein zu kriegen, muss die demokratische Mitte ohnehin ihre Probleme lösen. Diskutiert sie stattdessen weiterhin über Brandmauern, Podiumsdiskussionen und ähnliche Symbolik, wird ihr das nicht gelingen.

Erstpublikation: 07.09.2025, 14:38 Uhr.

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