Kommentar: Boris Johnson trägt eine Schuld für das verfehlte Krisenmanagement der Briten
Der britische Premier litt selbst unter der Corona-Krankheit. Trotzdem muss er sich unangenehmen Fragen zum Krisenmanagement stellen.
Foto: imago images/i ImagesLondon. Als Boris Johnson dieser Tage zum ersten Mal nach seiner Gesundung auftrat, tat er das wie immer mit wuchtigen Worten: Im Kampf gegen das Corona-Virus habe Großbritannien „offensichtliche Erfolge“ errungen, sagte der britische Premierminister. Eine ungeheuerliche Behauptung.
Schließlich verzeichnet Großbritannien die meisten Todesopfer aller europäischen Länder. Viel zu lange wähnte man sich dort in Sicherheit – getäuscht von einem Politiker, der sich für unbesiegbar hielt.
Noch Anfang März, als Bundesinnenminister Horst Seehofer sich weigerte, die Hand von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schütteln, lachte man auf der Insel über die so verängstigten Deutschen. Er werde nicht mit dem Händeschütteln aufhören, brüstete sich Johnson, selbst als er im Krankenhaus Infizierte besuchte.
Doch wie falsch der Premierminister die Lage einschätzte, wurde rasch sichtbar. Noch bevor er selbst als Infizierter auf die Intensivstation verlegt wurde, machten Bilder von Krankenschwestern die Runde, die sich mit Müllsäcken vor einer hohen Virenlast zu schützen versuchten.
Man schaffte es nicht einmal, die Zahl der durchgeführten Tests wie benötigt und versprochen zu erhöhen: Das Ziel von 100.000 Tests pro Tag wurde Ende April nur erreicht, weil die Briten die Zählmethode änderten.
Dass der Johnson während der Krise wochenlang selbst mit dem Virus kämpfte, spricht ihn nicht von der Verantwortung frei. Hätte er von Anfang an umfassende Maßnahmen eingeleitet, hätte sich Großbritannien vielleicht behaupten können. So aber steuerte das Land unaufhaltsam auf den traurigen Todesrekord zu.
Noch sind die Briten zu sehr mit den Folgen des schlechten Krisenmanagements beschäftigt, als dass der Regierungschef um seinen Posten fürchten müsste. Aber früher oder später wird die Frage aufkommen, inwieweit er zur Verantwortung gezogen werden muss. Und dann wird Boris Johnson nicht mehr mit wuchtigen Worten von seinen Fehlern ablenken können.