Kommentar: Chinas Staatsführung hat dem Evergrande-Desaster den Boden bereitet

Genug ist genug. Die Worte der Richterin Linda Chan an einem Hongkonger Gericht sind deutlich. Seit mehr als anderthalb Jahren verhandelt Chinas Immobilienriese Evergrande mit seinen Gläubigern, zig Termine vor Gericht waren vertagt, Gnadenfristen verstrichen. Jetzt soll Schluss sein – und die Börsengesellschaft des Unternehmens abgewickelt werden. Das nächste Kapitel der unendlichen Geschichte auf Chinas Immobilienmarkt, der einfach nicht zur Ruhe kommt.
Für Chinas Staatsführung um Xi Jinping, die auf eine kontrollierte Abkühlung des lange Zeit überhitzten Immobilienmarktes setzt, ist das Urteil zwar nicht unerwartet, aber doch ein Rückschlag. Die Märkte reagierten am Montag entsprechend. Sie sind nach Chinas jüngsten Stützungsversuchen ohnehin aufgewühlt.
Die konkreten Auswirkungen auf die angeschlagene Wirtschaft, die knapp an der Deflation vorbeischrammt, sind noch nicht endgültig abzuschätzen. Dazu fehlen zu viele Details, etwa eine Antwort auf die Frage, ob das Hongkonger Urteil überhaupt Wirkung in Festlandchina entfaltet – und wie man im nächsten Schritt an die Vermögensanteile des Bauträgers in Festlandchina kommt.
Das Vertrauen leidet weiter
Doch so viel ist schon jetzt klar: Der Imageschaden ist riesig. Erstens, das Vertrauen in chinesische Immobilienwerte leidet weiter, zumal es unsicherer denn je ist, ob Evergrande seine angefangenen Bauprojekte und zugesicherten (weil schon verkauften) Immobilien fertigstellen kann. Nach Schätzungen stecken rund drei Viertel chinesischer Privatvermögen im Betongold.
Manche Familien sind regelrecht mit ihrem Geld in Beton geflüchtet. Das wiederum wird ihre Konsumlaune weiter schwächen – und sät Zweifel am Wachstumsversprechen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.
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Hongkongs Urteilspruch ist zudem nur der Auftakt einer langen Verunsicherung – in Zeiten, da China sich eigentlich wieder als stabilen Anker im Puzzle der Lieferketten und gegenseitigen Abhängigkeiten darstellen will. Zu erwarten ist ein längeres Tauziehen zwischen Bauträgern und ihren Gläubigern. Bei einem Unternehmen wie Evergrande wird die Politik zudem ein gehöriges Wort mitsprechen wollen.
Misstrauen gegen Xi Jinpings Krisenmanagement
Chinas Staatsführung hat diese Krise aber durch ihre Niedrigzinspolitik erst möglich gemacht, weil sie den Immobiliensektor als Wachstumsmotor immer weiter anfeuern wollte. Insofern herrscht auch zu Recht Misstrauen gegenüber dem Krisenmanagement von Staatspräsident Xi Jinping, seiner Regierung und der Regionalregierungen.
Dass das Hongkonger Gerichtsverfahren zunächst nur die auf den Kaimaninseln ansässige Börsengesellschaft betrifft, ist ein wichtiges Detail. Außerdem ist ein Großteil der Schulden bei chinesischen Gläubigern platziert – die Auswirkungen auf das Ausland dürften deshalb überschaubar bleiben. Ein Trost ist das aber kaum: Geht es China schlechter, leiden auch die Partner, von denen Deutschland einer der größten ist.