Kommentar: Curevac steht ein schmerzhafter Lernprozess bevor
Trotz der enttäuschenden Zwischendaten rechnet der Konzern weiter mit der Zulassung.
Foto: dpaTechnologieplattformen sind eine feine Sache – wenn sie denn wirklich tragfähig sind. In diesem Fall bieten sie das Potenzial für eine Vielzahl von Produkten und Anwendungen. Sie können aber auch in eine Sackgasse führen, wenn die Übersetzung in praktische Anwendungen nicht funktioniert.
Das ist das Risiko, das sich aktuell für die Tübinger Curevac AG und ihre mRNA-Technologie abzeichnet. Die enttäuschenden Daten, die das Biotech-Unternehmen in der vergangenen Woche für seinen Covid-Impfstoff präsentierte, legen jedenfalls den Verdacht nahe, dass mit seiner Basistechnologie etwas nicht stimmt. Dabei erschien mRNA nach den großen Impfstoff-Erfolgen der Konkurrenten Biontech und Moderna fast schon wie eine sichere Bank.
Der sich abzeichnende Flop von Curevac indessen erinnert daran, dass es sich hier nicht um eine Einheitstechnologie handelt. Biontech und Moderna arbeiten mit einer chemisch leicht modifizierten Form von mRNA, Curevac mit natürlicher mRNA. Viele Experten vermuten darin die entscheidende Ursache für den Fehlschlag der Tübinger. Auch darüber hinaus gibt es diverse feine Unterschiede.
Noch ist es vielleicht zu früh für ein endgültiges Urteil. Zusammen mit den schwachen Impfstoff-Daten präsentierte Curevac positive präklinische Resultate für ein Nachfolgeprodukt. Aber solche präklinischen Daten sagen noch nicht allzu viel.
Der Covid-Impfstoff ist immerhin bereits das zweite Produkt, das in einer großen Studie enttäuscht, nachdem man 2017 mit einem potenziellen Krebsvakzin scheiterte. Andere klinische Projekte kommen bisher nur mühsam voran.
Ein Krebsvakzin, das Curvac mit Boehringer entwickelt, dümpelt seit vier Jahren in Phase-1 der klinischen Studien, ein Tollwutimpfstoff seit drei Jahren. Der US-Konzern Eli Lilly ist 2020 in aller Stille aus einer groß angelegten Kooperation wieder ausgestiegen.
Ist die eigene Technologie noch zu retten?
Das Biotechunternehmen steht insofern vor einem womöglich schmerzhaften Lernprozess und einer heiklen Strategie-Entscheidung: Lässt sich die eigene Technologie wirklich so weit verbessern, dass sie klinisch funktioniert und konkurrenzfähig ist, oder sollte man sich doch stärker den Verfahren der Konkurrenten zuwenden?
Die richtige Antwort darauf ist nicht nur für die Curevac-Aktionäre von Bedeutung. Auch für viele Patienten und den Biotech-Standort Deutschland wäre es bitter, wenn sich der Tübinger mRNA-Pionier am Ende nur als ewiger (aber letztlich erfolgloser) Hoffnungsträger entpuppen würden.