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KommentarDer Abgesang auf die deutsche Industrie ist übertrieben

Die Industrie in Deutschland ist weder wettbewerbs- noch zukunftsfähig – so lautet die gängige Erzählung. Es gibt aber gute Gründe, warum dieser Pessimismus überzogen ist.Isabelle Wermke 26.04.2024 - 14:28 Uhr
Innovation in Deutschland: Ein Roboterarm wird bei der Hannover Messe 2024 ausgestellt. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Deindustrialisierung, Abwanderung von Produktion aus Deutschland, kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell – das sind die Schlagwörter, die die Debatte über den Industriestandort Deutschland dominieren. Auch auf der weltgrößten Industrieschau, der Hannover Messe, war der angebliche Niedergang der Industrie Thema. 

Doch die Nachricht vom vorzeitigen Tod der deutschen Industrie ist weit übertrieben – auch wenn die Lage schwierig ist. Die hohen Energiepreise, der Fachkräftemangel und die Überregulierung belasten die Unternehmen. Und sie investieren zunehmend im Ausland, um diesen Problemen am Standort Deutschland auszuweichen. Die Schlüsselbranchen Chemie, Auto und Maschinenbau stagnierten oder haben das Produktionsniveau gar kräftig verringert.  

Trotzdem solle man die Flexibilität und Innovationsfähigkeit der Industrie nicht unterschätzen. Die hat sie gerade am Beispiel Energiepreise bewiesen – die Industrie hat schnell energiesparende Lösungen gefunden:

  • Innovative Elektrotechnik senkt durch energiesparende Schaltersysteme den Verbrauch.
  • In der Produktion werden verstärkt Abwärme und Umgebungsluft für die Prozesse genutzt.
  • In der Hightech-Fertigung sparen Chips, die dem menschlichen Gehirn nachempfunden wurden, Energie beim Rechenprozess.
  • Auch beim Trend Automatisierung reagiert die heimische Industrie als Robotik-Weltspitze schnell und innovativ.

Freilich waren für diese Anpassungen externe Schocks notwendig. Aber die Industrie hat damit unter Beweis gestellt, dass sie alle  Voraussetzungen mitbringt, um in einer neuen, digitalen und automatisierten Fertigungswelt global erfolgreich zu sein.

Industrie bleibt auf sich allein gestellt

Es wäre zwar ein Fehler, die Überregulierung und die hohen Energiepreise zu banalisieren. Die Politik muss für bessere Rahmenbedingungen sorgen. Da gibt es bei der Ampelkoalition kein Erkenntnis-, aber ein Umsetzungsproblem. Bundeswirtschaftsminister  Robert Habeck hält die Wirtschaftslage für „dramatisch“, Christian Lindner, sein Kabinettkollege im Finanzministerium schämt sich sogar für den Standort. Nur folgen aus der Betrachtung der tristen Politik keine Konsequenzen, die der Industrie wirklich helfen würden.

Auch der Wirtschaftsminister Robert Habeck hält die Lage des Standorts Deutschland für dramatisch. Foto: IMAGO/Political-Moments

Die Industrie bleibt hier auf absehbare Zeit auf sich selbst gestellt und muss vorangehen. Mit innovativen Lösungen klappt das schon gut. Es gibt aber auch Punkte, in denen sie besser werden kann. Wichtig sind jetzt Kooperationen, etwa mit großen Playern, die im digitalen Bereich besser, im Fertigungsbereich aber schlechter sind als deutsche Unternehmen. Von der Angst, dass dadurch Know-how abwandert, muss sich die Industrie verabschieden.

Bei internationalen Plattformen und Kooperationen gehen Unternehmen wie SAP und Siemens mit gutem Beispiel voran. Der Zwang, kreative Lösungen in der Automatisierung und Energieeffizienz zu entwickeln, kann sich zudem als Geschäftsmodell erweisen.

Um das Modell der deutschen Industrie in eine neue Zeit zu transferieren, brauchen die Arbeitskräfte allerdings auch das Know-how von morgen. Gerade bei Zukunftsthemen wie dem Einsatz Künstlicher Intelligenz gibt es davon zu wenig. Auf die Bildungspolitik der Regierung zu hoffen wäre fahrlässig. Die Unternehmen sollten die Weiterbildung ihrer Arbeitskräfte zunehmend selbst in die Hand nehmen.  

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Industrie sich immer wieder für Krisen wappnen, sich anpassen muss – nicht nur wegen der notwendigen Transformation im Bereich Digitalisierung und dem ökologischen Umbau, sondern auch wegen der geopolitischen Spannungen, die eher mehr als weniger werden. Resilienz ist in diesen Zeiten das große Thema – und daran hat die Industrie in den vergangenen Jahren hart gearbeitet. 

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Immerhin, die Konjunkturaussichten in Deutschland und der Weltwirtschaft hellen sich zumindest ein wenig auf. Die Energiepreise sind teilweise wieder auf das Niveau vor Ausbruch des Kriegs in der Ukraine gesunken.

Und auch die Auftragseingänge in der Industrie sind im Februar leicht gestiegen, der Produktionsverfall scheint gestoppt zu sein, wie aktuell bei Chemieunternehmen zu hören ist. Und schaut man sich die Bruttowertschöpfung an, die den im Produktionsprozess geschaffenen Mehrwert ermittelt, sieht es gar nicht so schlecht aus.

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Die Gefahr für die Industrie ist noch nicht gebannt, und für eine Entwarnung ist es zu früh. Und einen schleichenden Deindustrialisierungsprozess kann sich die deutsche Volkswirtschaft keineswegs leisten. Es liegt nicht nur an der Politik, sondern auch an den Unternehmen, sich dagegenzustemmen. Und die geben durchaus Anlass zu vorsichtigem Optimismus.

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