Kommentar: Der Appell, Kinder trotz geöffneter Schulen doch zu Hause zu lassen, ist eine Zumutung
Die Aufnahme von Präsenzunterricht ist durch die Lockdown-Verlängerung in weite Ferne gerückt. Beim Distanzunterricht herrschen in den Bundesländern unterschiedliche Regeln.
Foto: imago images/FotostandBerlin. Eigentlich war doch alles klar am Dienstag: Wir schließen jetzt auch die Schulen, beziehungsweise lassen sie flächendeckend zu. Denn die Lage ist dramatisch, die Intensivstationen voll – und die neue, weit ansteckendere Mutation des Coronavirus aus Großbritannien könnte alles noch viel schlimmer machen.
So jedenfalls hatte die Republik die Worte der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten Söder und Müller interpretiert. Doch jetzt lernen wir: So war das nicht gemeint. Stattdessen macht wieder jedes Land, was es will. Und das Schlimmste ist: Die Alleingänge stehen in den seltensten Fällen in direktem Zusammenhang mit der jeweiligen Corona-Lage.
Da wird selbst in Ländern, in denen die Infektionszahlen relativ niedrig sind, fast flächendeckend auf Distanzunterricht umgeschaltet. Wie etwa in Mecklenburg-Vorpommern. Und das, obwohl noch immer rund die Hälfte aller Schulen kein schnelles Internet hat und kaum eine Schulplattform fehlerfrei läuft.
Das Ergebnis sind Systemabstürze oder peinliche Bitten, wie etwa die des bayerischen Schulministers, es mögen doch bitte nicht alle Schüler gleichzeitig auf die Plattform zugreifen. In Hamburg sind pro Klassenstufe sogar nur 20 Minuten erlaubt.
Ein solches Chaos spielt sich vielfach auch in Grundschulen ab, wo Distanzunterricht ohnehin kaum funktioniert. Allein Baden-Württembergs Ministerin Susanne Eisenmann hat den Mut, dies auch zu sagen. Andere schwurbeln herum, obwohl sie wissen, dass nahezu alles an den Eltern hängen bleibt – und viele deshalb wochenlang den Bezug zu ihrer Schule verlieren.
Unerträglich ist auch die Ankündigung vieler Bundesländer, in zwei oder drei Wochen wieder neu zu entscheiden – je nachdem, was ihnen gerade einfällt. Und lediglich der sächsische Schulminister traut sich, die Eltern jetzt schon schonend darauf vorzubereiten, dass die Schulen dort womöglich auch im Februar noch komplett geschlossen bleiben.
All das wäre nachvollziehbar, wenn schrittweise Öffnungen oder Schließungen wenigstens an fixe Inzidenzzahlen im jeweiligen Land gekoppelt würden. Aber darauf legt sich niemand fest. Völlig absurd wird es, wenn einzelne Kommunen von der Landesregel abweichen dürfen, wie in Hessen geschehen.
Eine Zumutung ist der Appell vieler Kultusminister an Eltern, ihre Kinder trotz geöffneter Schulen doch bitte zu Hause zu verwahren. Damit reichen sie die Verantwortung an die Mütter und Väter weiter. Dabei geht es auch anders, wie Bremens Schulministerin zeigt: Sie ruft explizit dazu auf, die Kinder doch in die Schule zu schicken.