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KommentarDer Staat sollte sich an Thyssen-Krupp beteiligen

Mit Stahlproduktion lässt sich derzeit kein Geld verdienen. Soll der Industriestandort erhalten bleiben, müssen der Bund oder das Land einsteigen.Kevin Knitterscheidt 07.10.2020 - 13:02 Uhr Artikel anhören

Der Ruhrkonzern befindet sich in einer ausweglosen Situation. Helfen kann nur der Staat.

Foto: imago images/Jochen Tack

Es ist ein Horrorszenario, das die IG Metall an die Wand malt: Von „Zerschlagung, Filetierung, Verramschung“ sprechen die Funktionäre, wenn sie die unmittelbaren Perspektiven der Stahlindustrie in Duisburg beschreiben. Die Gewerkschaft fordert einen Staatseinstieg bei Thyssen-Krupp, um das Schlimmste zu verhindern – und das möglichst schnell.

Die Arbeitnehmervertreter wollen das Thema möglichst aus dem kommenden Bundestagswahlkampf heraushalten. Denn Staatshilfen für einen Konzern, der gerade erst seinen werthaltigsten Teil für mehr als 17 Milliarden Euro verkauft hat, scheinen auf den ersten Blick schwer vermittelbar. Dennoch haben die Gewerkschafter mit ihrer Forderung recht: Ohne staatliche Hilfe ist der Industriekonzern in seiner jetzigen Form nicht mehr lange überlebensfähig.

Man kann lange darüber philosophieren, wer schuld ist an der Misere. Schon seit einem Jahrzehnt hält sich Thyssen-Krupp finanziell nur mehr schlecht als recht über Wasser, nachdem Manager viele Milliarden in defizitären Stahlwerken in Brasilien und den USA versenkt haben. Mit dem Verkauf der Aufzugsparte versuchte Vorstandschefin Martina Merz Anfang des Jahres einen sauberen Schnitt. Dann kam die Coronakrise – und warf die geplante Sanierung über den Haufen.

Nun steckt der Ruhrkonzern in einer ausweglosen Situation. Die Suche nach einem Fusionspartner, die Merz infolge der Krise gestartet hatte, bietet für die Stahlkocher des Konzerns keine guten Perspektiven. Sowohl SSAB als auch Tata Steel Europe, denen ein eher loses Interesse nachgesagt wird, wollen dem notleidenden Ruhrkonzern die Bedingungen für einen Zusammenschluss diktieren. Das können sie auch, denn Thyssen-Krupp hat keine Alternativen.

Es sei denn, das Land Nordrhein-Westfalen oder der Bund entscheiden sich für einen Einstieg in die Stahlsparte von Thyssen-Krupp. Dafür spricht einerseits, dass eine solche Beteiligung für gleiche Verhältnisse bei allen Marktteilnehmern sorgen würde. Denn bei nahezu allen Stahlherstellern in Europa mischt der Staat in irgendeiner Form als Eigentümer mit. Und dort, wo er es nicht tut, gibt es zumindest einen finanzstarken Ankeraktionär, der bereit ist, das zyklische Auf und Ab der Branche mitzutragen.

Das ist bei Thyssen-Krupp nicht mehr der Fall. Der Finanzinvestor Cevian, der rund 18 Prozent der Anteile hält, hat mit seiner Investition in Thyssen-Krupp schon mehr Geld verbrannt, als den Zeichnern seiner Fonds vermittelbar wäre. Auch die Krupp-Stiftung kann nicht helfen: Sie steckt selbst in finanziellen Nöten, weil sie von den Gewinnen des Ruhrkonzerns abhängig ist. Fließt keine Dividende, kann die Stiftung ihre philanthropischen Projekte nur noch zwei Jahre lang finanzieren.

Mit Stahl lässt sich vorerst kein Geld verdienen

Doch mit Stahl lässt sich – auch ohne Coronakrise – auf absehbare Zeit kein Geld verdienen. Der Grund dafür sind die milliardenschweren Investitionen, die der Klimawandel den Unternehmen auferlegt. Allein Thyssen-Krupp rechnet mit Kosten von rund zehn Milliarden Euro, um die Transformation von der kohlebasierten zur wasserstoffbasierten Produktion zu bewältigen. Es würde Jahrzehnte dauern, diese Investitionen wieder einzuspielen.

Foto: Kostas Koufogiorgos

Das wissen auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU), die die grüne Transformation dieser „systemrelevanten“ Branche zwar mit Staatsgeldern fördern wollen, aber eine direkte Beteiligung an Thyssen-Krupp ablehnen. Doch diese Haltung ist inkonsequent: Wenn es in Duisburg keinen Hochofen mehr gibt, braucht man hier auch nichts mehr zu transformieren.

Ausgerechnet die Grünen, deren Politiker seit einigen Monaten in Duisburg ein- und ausgehen, haben verstanden, was Thyssen-Krupp für den Klimaschutz in Deutschland bedeutet: Das Wohl und Wehe des Konzerns ist zur Nagelprobe geworden für die Frage, ob sich Klimaschutz und Industrieproduktion hierzulande vereinbaren lassen. Dabei geht es nicht zuletzt auch um Zehntausende Arbeitsplätze, die wegfielen, wenn man die Überreste einem ausländischen Konkurrenten überließe.

Doch keine Rettung ohne angemessene Gegenleistung: Ringt sich der Staat doch dazu durch, bei Thyssen-Krupp Steel einzusteigen, sollte er sein Engagement mit strengen Auflagen verbinden. Dazu gehört neben einem vollständigen Verzicht auf Dividenden für die Dauer des Engagements auch ein vernünftiges Angebot der Branche, wie sich die Transformationskosten für den Steuerzahler minimieren lassen.

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Ein möglicher Weg liegt in der Zusammenlegung der Produktionsvorstufen der deutschen Hersteller – also jenes Teils der Stahlherstellung, der von Kohle- auf Wasserstoffverfahren umgestellt werden soll. Sowohl Salzgitter, mit dem Land Niedersachsen als größtem Aktionär, als auch die saarländischen Stahlhütten haben hier bereits Gesprächsbereitschaft durchblicken lassen. Doch nur Thyssen-Krupp als größter deutscher Hersteller bringt die kritische Größe mit, die einem solchen Vorhaben fehlt.

Mehr: Die IG Metall nimmt die Politik in die Pflicht – und kündigt Proteste an, sollte der Staat die Unterstützung für Thyssen-Krupp verwehren.

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