Kommentar: Die Abspaltung des Automotive-Geschäfts ist eine Niederlage für Continental

Nach jahrelangen Irrungen und Wirrungen bei Continental ist seit Montag klar, dass der Dax-Konzern zu dem zurückkehren wird, was das Unternehmen groß gemacht hatte: das Reifengeschäft. Das klingt nach einer vernünftigen Entscheidung, immerhin schreibt die Sparte seit Jahren zweistellige Gewinnmargen. Doch in Wahrheit ist es eine Niederlage für den einst so stolzen Systemzulieferer Continental.
Der Reifenhersteller hatte in den vergangenen 25 Jahren zahlreiche Zulieferer übernommen, um es mit Zuliefergiganten wie Bosch und ZF aufnehmen zu können. Das dürfte ab 2025 Geschichte sein, wenn Conti sein mühsam und für mehrere Milliarden Euro zusammengekauftes Autozuliefergeschäft abspaltet. Statt innovative Software für die Autoindustrie zu entwickeln, wird sich Conti dann wieder ganz dem zähen Gummi widmen.
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Der Weg dorthin war von Chaos geprägt, was auch am höchsten Führungsgremium liegt. Da sitzt Ankeraktionär Georg Schaeffler, der vor Jahren versucht hatte, Conti feindlich zu übernehmen, sich damit an den Rand des Bankrotts katapultiert hatte und sich am Ende mit 46 Prozent der Anteile begnügen musste.
An seiner Seite wähnt er den Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Reitzle, der entgegen allen Corporate-Governance-Gepflogenheiten seit nun 15 Jahren an der Spitze des Gremiums sitzt und im operativen Geschäft mitmischt wie kaum ein anderer Aufsichtsratsvorsitzender eines Dax-Konzerns. Und am Ende ist da noch der Vorstand um den Vorsitzenden Nikolai Setzer. Wer beim Konzern das Sagen hat, bleibt im Ungefähren.
Bei Conti fehlen klare Entscheidungstrukturen
Letztlich wäre wahrscheinlich jeder Manager angesichts dieses Wirrwarrs an Verantwortlichkeiten und Seilschaften daran gescheitert, mit einer eigenen Strategie das Autozuliefergeschäft zu sanieren. Es bleibt der Eindruck, dass mit klaren und dynamischen Entscheidungsstrukturen alles früher hätte entschieden werden können.
Denn die Abspaltungsfantasien gibt es seit mehr als zwei Jahren. Damals war das Marktumfeld für Wachstumsbereiche wie das automatisierte Fahren noch deutlich positiver als derzeit. Im Grunde spaltet Conti das Automotive-Geschäft zum so ziemlich schlechtesten Zeitpunkt ab.
Und noch etwas verstärkt den Eindruck, dass Entscheidungen bei Continental mitunter nicht von Weitsicht geprägt sind. Ende 2023 hat Conti nach jahrelanger Bauzeit die neue mondäne Konzernzentrale in Hannover eingeweiht. Millionen wurden in einen Neubau investiert für ein Unternehmen, das bald wieder nur noch Reifen herstellen wird.