Kommentar: Die Beschwichtigungen der EZB-Chefin zur Inflation wirken heute wie Hohn
Geradezu trotzig haben EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihre Mannschaft an ihrer Interpretation der Datenlage festgehalten.
Foto: dpa„Inflation übertrifft Erwartungen“: Diese Meldung selbst hat inzwischen inflationären Charakter angenommen. Sie ereilt Verbraucher Monat für Monat mit einer Zuverlässigkeit, wie sie nicht einmal die notorischsten unter den deutschen Inflationswarnern vorausgesagt hätten.
7,9 Prozent waren es in Deutschland nun im Mai. Damit liegt die Teuerungsrate auf dem Rekordniveau vom Winter des Jahres 1973/74. Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben – und wer, wenn nicht die Notenbank, trägt die Verantwortung dafür?
Geradezu trotzig haben EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihre Mannschaft lange Monate an ihrer Interpretation der Datenlage festgehalten. Erst waren es nur „Basiseffekte“, später „pandemiebedingte Sondereffekte“. Dann verursachten „nur“ die stark schwankenden Energiepreise oder Nahrungsmittelpreise die dynamische Preisentwicklung.
Stets aber handelte es sich um ein „vorübergehendes Phänomen“ – so das Mantra der EZB. Immer dann, wenn es gar nicht mehr anders ging, gab auch die Notenbank zu, dass der Inflationsausblick wohl zu optimistisch – und mit „großen Risiken“ verbunden sei.
Aus heutiger Sicht wirken die Beschwichtigungen wie Hohn. Erstens, weil sie schon vor einem halben Jahr meilenweit entfernt von der Realität waren. Zweitens, weil es schlichtweg nicht die Aufgabe einer Notenbank ist zu beschwichtigen.
Im Gegenteil: Zentralbanker müssen als Frühwarnsystem agieren. Oder noch präziser: Die Wirtschaftsakteure müssen darauf vertrauen können, dass die Zentralbank entsprechend agiert.
Hier kann, ja hier muss man der EZB Fahrlässigkeit vorwerfen – Basiseffekte hin, Lieferkettenprobleme und kriegsbedingter Energiepreisschock her. Wenn die Notenbank zu lange zögert und sich die Inflationserwartungen einmal festgesetzt haben, dann lässt sich der Kampf gegen die Preissteigerungen nur zum Preis einer Rezession führen. In dieser Lage befindet sich die EZB möglicherweise bereits – sodass die angekündigte erste Leitzinserhöhung für den Juli viel zu spät kommt.
Andere Länder, gleiche Unsitten
Dabei ist es nur ein geringer Trost, dass es anderen Notenbanken nicht anders geht. Auch die US-Notenbank hat zu lange gezögert, sodass sie womöglich eine Rezession riskieren muss, um die Inflation unter Kontrolle zu halten. Am Ende könnte sowohl in den USA als auch in Europa eine Stagflation drohen, also die Verbindung von schwacher Wirtschaftsentwicklung mit hohen Teuerungsraten.
Wobei es in Europa noch ein nicht zu unterschätzendes Spezialrisiko gibt: Im Gegensatz zur Fed, die als weitgehend frei in ihren Entscheidungen gilt, wird die EZB auf die hochverschuldeten Staaten Südeuropas Rücksicht nehmen müssen. Ziehen die Kapitalmarktzinsen sprunghaft an, könnten diese Refinanzierungsprobleme bekommen. Eine Euro-Krise 2.0 wäre die Folge.
„Preisstabilität herrscht dann, wenn die Menschen aufgehört haben, über Inflation zu reden“, hat der US-Ökonom Alan Blinder einmal gesagt. Von diesem Zustand sind Europa und die USA weit entfernt. Viel spricht dafür, dass 2021 und 2022 als die Jahre in die Geschichte eingehen werden, in denen die tot geglaubte Inflation nachhaltig in die industrialisierte Welt zurückkehrte.