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Kommentar Die Coronakrise hat dem Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Politik schwer geschadet

Wenn es um Kita- und Schulschließungen geht, verfällt die Politik in wohlkalkulierte Verantwortungslosigkeit, um nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können.
28.06.2020 - 16:35 Uhr Kommentieren
Auch nach dem Lockdown fehlte ein Konzept zur Öffnung der Schulen. Quelle: dpa
Schulschließungen

Auch nach dem Lockdown fehlte ein Konzept zur Öffnung der Schulen.

(Foto: dpa)

Wenn die Coronakrise irgendetwas Gutes hat, so ist in diesen Tagen oft zu lesen, dann das: Das Virus stellt verloren gegangenes Vertrauen in den Staat wieder her. Corona werde nicht als Ergebnis staatlichen Kontrollverlusts wahrgenommen, sondern als erfolgreicher Versuch, staatliches Handeln gegen die zerstörerischen Kräfte eines Virus wiederzuerlangen. Corona revidiere so etwa den Vertrauensverlust aus der Flüchtlingskrise, findet der Politologe Ivan Krăstev.

In der Gesundheits- und Wirtschaftspolitik zeigt sich die Politik tatsächlich von ihrer besten Krisenmodus-Seite. Wenn es um Bildungspolitik, um Kitas- und Schulschließungen geht, demonstriert die Politik dagegen keine Stärke, sondern wohlkalkulierte Verantwortungslosigkeit, um politisch nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

Millionen an Corona-ausgelaugten Familien leben seit Monaten unter einer Glocke der Unsicherheit, ob sie morgen Familie und Beruf vereinbaren können. Das Vertrauensverhältnis zwischen Staat und Familien erfährt dadurch einen tiefen Knacks.

Es geht dabei nicht um die Kita- und Schulschließungen zu Beginn der Pandemie. Corona war ein Virus neuen Typs, die letzte große Pandemie 100 Jahre her. Niemand wusste, wie mit so einer Situation umgegangen werden sollte. Unter der Prämisse, möglichst viele Menschenleben zu schützen, war die Schließung von Bildungseinrichtungen der einzige Weg, und Familien hatten dafür vollstes Verständnis.

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    Kein Verständnis haben sie aber mehr, wenn jetzt im Kreis Gütersloh nach einer lokalen Ausbreitung in der Tönnies-Fleischfabrik wieder reflexartig als erste Maßnahme Schulen und Kitas dichtgemacht werden, obwohl Studien inzwischen nahelegen, dass die Kleinen gerade nicht die großen Virenschleudern sind.

    Es fehlt Eltern auch an Verständnis dafür, dass die Bildungsminister, die Schulen sonst gerne bei jeder Kleinigkeit reinregieren, sich in Corona-Zeiten wegducken und sowohl in der Lockerungsphase als auch in der „Neuen Normalität“ nahezu alle Verantwortung auf Schul- und Kitaleiter delegieren.

    Der Eindruck einer bildungspolitischen Willkürpolitik zieht sich wie ein roter Faden durch die Coronakrise. Als es im April um die ersten Lockerungsschritte ging, hing das Urteil der Politik, wie lange Schulen und Kitas geschlossen bleiben sollen, plötzlich maßgeblich von einem Gutachten der „Leopoldina“ ab, einer akademischen Gesellschaft, von der die meisten zuvor niemals etwas gehört hatten.

    Keine Konzepte für die Zeit nach dem Lockdown

    Aus diesem Gutachten erfuhren Eltern dann, dass Schulen und Kitas für die kleinsten Kinder bis zum 1. August geschlossen bleiben sollten – eine Forderung, die vorher nie im Raum stand, und die die Politik tagelang ohne jede Einordnung stehen ließ.

    So wurden im April zwar die ersten Lockerungen des harten Lockdown beschlossen, Kitas und Schulen blieben aber erst einmal komplett dicht. Denn dummerweise hatte die Politik in den Wochen zuvor auch vergessen, sich ein Öffnungskonzept für die Phase nach dem Lockdown zu überlegen.

    Während Kindern das normale Leben noch lange Zeit weitgehend versagt bleiben sollte, wurde in Bayern derweil schon wieder über die Öffnung der Biergärten diskutiert. Wenn Familien sich bis dahin gefragt haben, an welcher Stelle sie auf der politischen Prioritätenliste stehen, spätestens jetzt wussten sie es: an allerletzter. Und das, obwohl sie mit parallelem Homeschooling, Kinderbetreuung und Homeoffice in der Coronakrise nach den Beschäftigten im Gesundheitssektor die größte Last zu tragen haben.

    Als Kitas und Schulen dann doch früher wieder langsam aufmachten, waren die Regelungen so chaotisch, dass niemand durchblickte. Für wen gilt die Definition systemrelevanter Berufe? Kann man verklagt werden, wenn man sein Kind trotz einer Person im Homeoffice für die Notbetreuung anmeldet? Wie sind die genauen Vorgaben bei Erkältungssymptomen?

    Während einige Einrichtungen den Betrieb schnell wieder hochfuhren, spielten in anderen Kinder mangels Spielkameraden mit sich selbst Fangen. Wer auf einem Spielplatz fünf Knirpse fragte, wie viele Stunden sie aktuell zur Schule gingen, bekam fünf verschiedene Antworten, die weit auseinanderlagen.

    Die bildungspolitische Kleinstaaterei zwischen den Bundesländern wurde in der Coronakrise endgültig ins Absurde getrieben und auf jede einzelne Kita und jede einzelne Schule ausgedehnt. Der neue Vergleichsmaßstab in der Neidgesellschaft war nicht mehr das Gehalt, sondern die Anzahl der Betreuungs- und Schulstunden für Kinder von Nachbarn und Arbeitskollegen.

    Auch noch so viele Milliarden für einen Kinderbonus, bessere Kitas oder digitale Schulen werden das angeknackste Vertrauensverhältnis nicht so schnell wieder herstellen. Denn kein Digitalpaket mit tollen Whiteboards bringt irgendetwas, wenn die Politik keinerlei taugliche Konzepte für Schulen und Kitas hat – und damit nicht einmal das Maß an Planungssicherheit für Familien sicherstellt, das in Zeiten von Corona möglich und vor allem so nötig wäre.

    Mehr: Der Unterrichtsausfall wegen der Corona-Pandemie wird langfristige Folgen haben. Aber es gibt erste Konzepte, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte.

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