Kommentar: Die Dramatik der IWF-Zahlen ist kaum zu überschätzen

Neues Handelszeitalter, altes Lied: Deutschland bleibt auch in diesem Jahr das internationale Wachstumsschlusslicht. Nach der neuen Prognose des Weltwährungsfonds wird Deutschland in diesem Jahr als einzige G7-Nation stagnieren.
Auch die Bundesregierung selbst geht in ihrer neuen Prognose nur noch von einem Nullwachstum aus. Für 2026 rechnet sie mit einem Wachstum „um ein Prozent“, hieß es in Regierungskreisen. Im Januar hatte die Bundesregierung ein Wachstum von 1,1 Prozent erwartet.
Die Dramatik dieser Zahlen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sollte sich die Prognose bewahrheiten, würde die deutsche Wirtschaft erstmals seit Bestehen der Bundesrepublik drei Jahre in Folge nicht wachsen. Und die Aussichten sind kaum besser. Das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft ist erschreckend gering.
Die Schwäche der deutschen Wirtschaft ist anders gelagert als zu Beginn des Jahrtausends, aber in ihrer krisenhaften Zuspitzung durchaus vergleichbar. Und ausgerechnet in dieser Schwächephase braut sich eine giftige weltwirtschaftliche Gemengelage zusammen. Denn nun zieht auch noch der wichtigste Handelspartner, die USA, die Schotten hoch und zettelt einen beispiellosen Handelskrieg an.
Deutschland: Neue Schulden allein reichen längst nicht aus
Trumps Zollkrieg läutet zumindest vorläufig das Ende der regelbasierten Welthandelsordnung ein. Damit stellt der US-Präsident auch das exportorientierte deutsche Geschäftsmodell infrage.
Wenn Deutschland in dieser neuen, fragmentierten Weltwirtschaft weniger Abnehmer für Produkte „Made in Germany“ findet, braucht es ein neues Denken. Also mehr Binnennachfrage. Wenn es das neue Sondervermögen Infrastruktur nicht schon gäbe, müsste man es erfinden.
Nullwachstum trotz Schulden? IWF und Regierung kappen Prognosen für Deutschland
Neue Schulden allein werden aber nicht ausreichen, um die nächsten Jahre zu überstehen. Schon jetzt ist die anfängliche Euphorie der Anleger über das deutsche Schuldenpaket der Ernüchterung gewichen.
Die künftige Bundesregierung gebe kurzfristig zu wenig Wachstumsimpulse, zudem sei unklar, ob die Schulden tatsächlich in die Modernisierung des Landes fließen, so die Kritik. Der wohl neue Bundeskanzler Friedrich Merz und sein wahrscheinlicher Vizekanzler Lars Klingbeil müssen hier schnellstmöglich für Klarheit sorgen, um zumindest diese Unsicherheit zu beseitigen.
Aber auch das wird nicht ausreichen, um die deutsche Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Genauso wenig wie das, was Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart haben. Dieser kann nur ein Startpunkt sein, aber auf der Strecke braucht es eine deutlich ambitioniertere Wirtschaftspolitik.
Wenn Union und SPD den Fehler der Ampel wiederholen und trotz völlig neuer Lage am Koalitionsvertrag festhalten, droht auch die neue Bundesregierung schnell zu scheitern.