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Kommentar Die neue Macht der Virologen

Am Anfang der Coronakrise war die Politik das Problem, weil sie keine Ahnung von Virologie hat. Nun regieren die Virologen, die leider wenig von Wirtschaft verstehen.
26.03.2020 - 14:24 Uhr 7 Kommentare
In der Coronakrise waren die Politiker zunächst das größte Problem, weil sie keine Ahnung von Virologie hatten. Doch die Virologen haben im Gegenzug wenig Ahnung von Politik oder Wirtschaft. Quelle: dpa
Lothar Wieler, Christian Drosten, Jens Spahn

In der Coronakrise waren die Politiker zunächst das größte Problem, weil sie keine Ahnung von Virologie hatten. Doch die Virologen haben im Gegenzug wenig Ahnung von Politik oder Wirtschaft.

(Foto: dpa)

Man hätte sich fürs künftige Kanzleramt einige Führungsfiguren vorstellen können: Friedrich Merz etwa oder Armin Laschet, manche Romantiker sicher auch Robert Habeck. Aber dass dort mal ein Arzt regiert – und das, ohne je gewählt worden zu sein –, wäre wohl niemandem in den Sinn gekommen: Er heißt Christian Drosten und gilt laut der „Süddeutschen Zeitung“ bereits als „Sex-Symbol“ und „Posterboy der Stunde“, nicht nur wegen seiner „weichen Lippen“, wie die Autorin schwärmte.

„Kann er Kanzler?“, wurde bereits gefragt. Drosten ist Virologe an der Charité und so etwas wie der Cheferklärer, aber auch Mitentscheider in der aktuellen Krise geworden wie sonst nur noch Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts. Damit fangen leider auch neue Probleme an.

Was Drosten via Twitter, Podcast oder Maybrit Illner sagt, ist Gesetz. Das kann man durchaus wörtlich nehmen, denn egal, ob Versammlungsverbote, Ladenschließungen oder Ausgangsbeschränkungen – Drosten hat eine Empfehlung kaum ausgesprochen, da ist sie politisch schon beschlossen.

Der Grund: In der Bundespolitik hat ein bizarrer Wettbewerb begonnen: Wer hat noch drakonischere Anti-Corona-Maßnahmen in petto? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und sein NRW-Kollege Laschet streiten da nur stellvertretend. Und die Virologen nicken gefällig, auch wenn sie sich untereinander selten einig sind, was die Sache nicht klarer macht.

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    In den ersten Monaten der Coronakrise waren die Politiker das größte Problem, weil sie keine Ahnung von Virologie hatten. Jetzt, da die Seuchenexperten übernommen haben, zeigt sich eine andere Schwäche: Virologen haben im Gegenzug wenig Ahnung von Politik oder gar Wirtschaft.

    Das wiederum wäre nicht weiter schlimm, wenn sie nicht beides weitgehend enthemmt und geradezu außerparlamentarisch radikal vor sich hertreiben würden wie weiße Mäuse in einem Laborexperiment. Die Mäuse samt Hamsterrad sind wir und die Weltökonomie. Die Versuchsanordnung lautet in etwa: Sterben die Probanden eher an Sars-CoV-2 oder an Langeweile, Isolation, Hunger, Psychosen oder Depressionen?

    Die Infektion ist noch längst nicht ausgestanden, aber die Weltwirtschaft schon jetzt an den Rand des Ruins getrieben: An den Börsen lösen sich Billionenwerte auf. Kompletten Branchen und Volkswirtschaften droht Schlimmstes.

    Kurzarbeit federt in der Bundesrepublik bislang noch das Gröbste ab, aber wie lange noch? Jeder Tag im Ausnahmezustand lässt die bereits sichere Rezession nur noch viel länger andauern, wenn es überhaupt jemals wieder aufwärtsgeht.

    Was da vom Mietrecht bis zur Versammlungsfreiheit gerade tagtäglich wegdesinfiziert wird, ist zumindest erstaunlich. Wissen Drosten, Wieler und ihre Kollegen eigentlich, was sie da anrichten? Wie viele Jobs und damit ja auch Leben derzeit aufs Spiel gesetzt werden?

    Eine erschütternde Verzagtheit lähmt das Land

    Fast noch schlimmer ist eine Entwicklung, die man bereits jetzt beobachten kann: Eine erschütternde Verzagtheit legt sich wie Mehltau übers Land der Dichter und Denker, ein nie für möglich gehaltenes Phlegma bemächtigt sich selbst der Wall Street.

    Und das alles eingebettet in eine Art Meinungs-Monokultur des #Wirbleibenzuhause. Die ganz Entschlossenen wagen sich noch auf den Balkon und singen „Freude schöner Götterfunken“, weil so ein musikalischer Flashmob ein irgendwie muggeliges Gemeinschaftsgefühl verspricht. Aber weniger Tatkraft hat man selten erlebt.
    Wirtschaft ist auch Psychologie. Insofern droht eine Herrschaft der Ängstlichkeit, der kleinen, noch dümmeren Schwester der Angst. Aus Ängstlichkeit wird Unsicherheit, wird Fatalismus, wird Unzufriedenheit, wird Zorn.

    Mit diesem Spirit der Verzagtheit hätte Carl Benz wohl nie das Auto erfunden und Neil Armstrong nie den Mond betreten. Aber das ist ja auch nicht das Terrain der Virologen, muss man fairerweise sagen: Sie sind die Notfallmediziner, nicht die Schmuse-Therapeuten. Nur: Was, wenn die Operation Corona-Rettung am Ende gelungen und der Patient trotzdem (und deshalb) tot ist?

    Diese Woche war eine besondere in der bisherigen Krise: Es zeigte sich ja nicht nur, dass das Primat der Wissenschaft das brutalste Opfer überhaupt fordern könnte – die Funktionstüchtigkeit der Weltgemeinschaft, deren Treibstoff nun mal Produktion und Handel, Innovation und Wettbewerb sind. Auf der anderen Seite rührte sich erstmals Widerstand gegen den rasenden Stillstand.

    Man darf die beiden Seiten nicht gegeneinander ausspielen. Wer den Kapitalismus retten möchte, will doch keine Menschenleben opfern. Genauso klar muss es sein, dass wir nicht sofort wieder alle Schranken öffnen können.

    Aber im Stubenarrest gewinnt man keine Kriege. Es muss mehr über Mittelwege diskutiert werden. Medizin und Wirtschaft können die Welt nur gemeinsam retten. Da ist nun eine Politik gefragt, die abwägt und dann präzise entscheidet, denn klar ist auch: Jeder Tag Stillstand zu viel wird dramatische Konsequenzen für uns alle haben.

    Mehr: Das Coronavirus spült existenzielle Fragen nach oben, die sonst kollektiv verdrängt werden. Die Politik muss nun den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Wirtschaft erhalten.

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    Mehr zu: Kommentar - Die neue Macht der Virologen
    7 Kommentare zu "Kommentar: Die neue Macht der Virologen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Immer noch besser, von Virologen regiert zu werden, als von Leuten, die Dampfplauderei für ökonomischen Sachverstand ausgeben.

    • Biowissenschaften haben den Hang dazu zu Dokumentieren und zu Analysieren, nicht aber strategisch zu planen welche Daten für die nächsten kritischen Entscheidungen benötigt werden. Z.B. die Entscheidung für oder weder zur Verlängerung des Kontaktverbots mit all seinen Folgen für die Menschen und die Wirtschaft. Auch wenn Bill Gates recht hat, dass Geld reversibel ist und der Tod nicht, dürfen wir uns mit Epidemiologischen Modellen Gedanken machen wie am besten zu verfahren ist. Nur leider wird vergessen die Daten für diese Modelle zu erheben. Flächendeckendes Screening um den Durchseuchungsgrad und Hotspots zu bestimmen. Aber auch „Freitesten“ von Systemkritischem Personal entfällt, weil einfache, kostengünstige, und trotzdem genaue Streifen-Testverfahren offenbar als nicht wissenschaftlich genug gelten.

    • Das Problem ist weniger, dass Virologen nichts von Wirtschaft verstehen, das ist auch nicht ihr Job. Ich frage mich aber, ob sie etwas von Statistik verstehen. Die beiden Zahlen, mit denen wir von morgens bis abends beschossen werden, erscheinen mir in einem statistischen Sinne verzerrt und nicht repräsentativ, also aussagekos, nämlich (1) die Zahl der "Corona-Fälle" - abhängig von der regional und im Zeitverlauf stark schwankenden Testintensität, und (2) die Zahl der "Corona-Toten", dies ist nicht die Zahl der ursächlich auf Corona zurückzuführenden Todesfälle, sondern die Zahl der - aus welchen Gründen auch immer - Verstorbenen, bei denen post mortem durch gezielte Tests eine Corona-Infektion festgestellt wird. Das eine hat mit dem anderen nicht viel zu tun. Selbst in Italien ist die täglich gemeldete Zahl der "Corona-Toten" noch immer deutlich unterhalb der in Italien auch ohne Corona täglich im Durchschnitt sterbenden Menschen (ca. 1.600). Sind die "Corona-Toten" ein Teil davon, oder tatsächlich zusätzliche Todesfälle? Ich behaupte nicht das eine oder das andere, aber es ist für mich unfassbar, auf Basis welch windiger, den Grundregeln der Statistik Hohn sprechender Daten in einer solchen, unser aller Leben massiv betreffenden Thematik Entscheidungen getroffen werden. Warum werden Tests nicht systematisch in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe durchgeführt, dann kennen wir den tatsächlichen. Anteil der Infizierten, und warum wird nicht die Gesamtzahl der Todesfälle einer Zeitperiode festgestellt und mit den entsprechenden Vorjahreswerten verglichen, dann wissen wir, ob bzw. wie viele zusätzliche Todesfälle es tatsächlich gibt? Gibt es unter all den Virologen nicht einen Biometriker mit fundierter statistischer Grundausbildung, der in der Lage ist, valide Daten zu erheben?

    • @ Rich Dzikowski

      Nein, es wurde ZU SPÄT gehandelt - als sich die Exponentialfunktion nämlich schon einer steilen Gerade angenähert hat!!
      Man hätte handeln MÜSSEN, als sie noch sehr, sehr flach war! Etwa durch frühzeitige Grenzschließungen (wie es z.B. der pöse, pöse Putin gemacht hat: frühzeitig Grenze zu China dicht gemacht!)
      Bis wann kamen dagegen Flugzeuge und Schiffe aus China ungehindert nach Deutschland??
      In der EU also, bis es nicht mehr anders ging: Schengen, Schengen, über alles!!
      Bei frühzeitigem Reagieren hätte man eben NICHT die Wirtschaft weitgehend runterfahren müssen - mit in der Tat vermutlich langfristig schlimmeren Schäden und mehr Toten!
      Das schlimmste Versagen ging jedoch von China bzw. der chinesischen Regierung aus: den Ausbruch erst vertuscht und Whistleblower kalt gestellt, und dann auch noch die WHO übelst angelogen!! Dadurch ist eben entscheidende Zeit verloren gegangen!!

    • Während die gesamte Weltwirtschaft wegen der Corona-Krise in den Ruin getrieben wird, werden die Virologen weiterhin nach Wirkstoffen suchen, die die Pharmaindustrie zufriedenstellen wird.
      Würden sie sich jedoch einen bekannten Wirkstoff AgNPs widmen, dann würden sie womöglich erfahren, dass Nanosilber in der Lage ist, bereits heute über 650 Bakterien- und Virenstämme sofort zu beseitigen. Die eine Studie aus Wuhan: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27649147 und die andere aus Texas: https://www.mdpi.com/1999-4915/11/8/732/htm belegen die Wirksamkeit des Nanosilbers AgNPs gegen Viren.

    • Ein Gesundheitsminister, (...)Dagegen wurde vor 25 Jahren in "Outbreak" von Wolfgand Petersen schon ziemlich zügig gehandelt und nicht im Schneckentempo!!
      So, und jetzt schreibe ich Ihnen, wie das im Bundesland eines guten Bekannten von mir abgelaufen ist: der ist ein ehemaliger Klassenkamerad des Staatssekretärs im Gesundheitsministerium. Er hat ihm geschrieben: "X, wir hatten beiden den gleichen Mathelehrer, und du warst ziemlich (...), aber schau dir noch einmal die Exponentialfunktion an! Das sieht nicht gut aus." Antwort: "Mist, Y, Du hast recht..."So läuft das. (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

    • Wir dürfen bei aller Kritik an den lähmenden Effekten der Virologenverordnungen nicht vergessen, dass die Pandemie ein weltweites Problem ist. Kriegen wir das in Deutschland nicht hin, dann dürfen wir nirgends hinfahren, um unsere Produkte zu verkaufen. Eine Lockerung in Deutschland wäre somit nur begrenzt effektiv. Darüber hinaus gibt es genügend Populisten, die geschlossene Grenzen auch ohne Pandemie ganz schön finden. Was wir vor allem benötigen ist eine Perspektive, wann die Seuche unter Kontrolle ist, und ab wann wir langsam beginnen können uns in Richtung Freiheit zu bewegen.

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