Kommentar: Die Politik behandelt die unqualifizierten jungen Erwachsenen wie Stiefkinder

Eines der größten Probleme der Wirtschaft ist der Fachkräftemangel – und was tut Deutschland? Lässt Jugendliche Warteschleifen drehen und kümmert sich kaum um die fast drei Millionen Ungelernten unter 35 Jahren. Insgesamt gibt es rund sechs Millionen unqualifzierte erwachsene Arbeitnehmer – Tendenz steigend. Das ist absurd. Sonntags reden die Politiker davon, dass kluge Köpfe unser einziger Rohstoff sind – wochentags vernachlässigen sie ihn – und hoffen stattdessen nur auf Zuwanderer und mehr Frauenerwerbstätigkeit.
Die neue Arbeitsministerin Bärbel Bas muss sich dieses Problems verstärkt annehmen. Das Rezept kann nur heißen: Qualifizierung, Qualifizierung, Qualifizierung, vom Schweißkurs über die IT-Schulung, den Führerschein bis zur kompletten Berufsausbildung. Um den Zugang zu erleichtern, sollte die Lehrlingsausbildung weit häufiger in Modulen organisiert werden können – auch wenn die Gewerkschaften das nicht mögen.
Parallel dazu gilt es, den Kampf gegen die mehr als fünf Millionen funktionalen Analphabeten auszuweiten – denn hier dürfte es große Überschneidungen mit den Ungelernten geben. Denn die meisten dieser Menschen mit massiven Lese- und Schreibschwächen arbeiten und schlagen sich oft unbemerkt durch.
Der bislang vernachlässigte „Übergangsbereich“ darf nicht länger Stiefkind der Arbeitsmarktpolitik von Bund und Ländern bleiben. Dieses undurchsichtige System unterschiedlicher Maßnahmen an beruflichen Schulen – von Kritikern als „Warteschleifen“ geschmäht – ist in den Nullerjahren entstanden, um überzählige Schulabgänger zu parken – ideologischer Überbau war deren angeblich massenhaft fehlende „Ausbildungsreife“.
Eine Evaluation, ob die Maßnahmen was taugen, die Chancen danach besser sind, gab es nie. Bis die Bertelsmann-Stiftung feststellte, dass ein Großteil der gut eine Viertelmillion Jugendlichen, die auch 2024 wieder im Übergangsbereich gelandet sind, auch sofort in eine Ausbildung starten könnte. Wenn man sie nur rechtzeitig an die Hand nähme.
Dafür gibt es bereits „Jugendberufsagenturen“ nach Hamburger Vorbild. Hier arbeiten Arbeitsagentur, Schule, Arbeitgeber, aber auch Ausländerbehörden zusammen, damit möglichst niemand durchs Raster fällt. Doch sie funktionieren offenbar nicht gut genug.
Dazu muss die Berufsorientierung in den Schulen endlich verbessert werden – ein bildungspolitischer Balanceakt, dem sich auch die neue Bundesbildungsministerin Karin Prien stellen muss. Modellprojekte zeigen, dass es zum Beispiel enorm helfen kann, Schüler früher und häufiger in die Betriebe zu schicken.