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KommentarDie Renaissance der Deutschland AG

Die Zahl der Mehrfachmandate der Dax-Kontrolleure ist wieder gestiegen. Das ist ein schlechtes Signal für die deutsche Wirtschaft.Tanja Kewes 31.05.2023 - 09:22 Uhr
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Drei Aufsichtsmandate pro Kopf: Die Verflechtung von Kontrollaufgaben erfährt eine Renaissance.

Foto: Imago, Bloomberg, dpa, PR (3)

Die Zeiten der sogenannten Deutschland AG schienen vorbei. Die Jahre, in denen einige wenige Multiaufsichtsräte das Geschehen in den Dax-Konzernen bestimmten – mit Starallüren, Alles-schon-einmal-erlebt-Attitüde, in treuen Männerbünden verschworen und über alle Zweifel erhaben.

Der Grad der Verflechtung der Aufsichtsräte untereinander und die Zahl der Mehrfachmandate haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Doch mit den Wahlen auf den aktuellen Hauptversammlungen ist die Verflechtung nach einer Analyse der Personalberatung Russell Reynolds Associates wieder sprunghaft angestiegen.

Das ist ein alarmierendes Signal. Der Typ des Multiaufsichtsrats wirkt nicht nur aus der Zeit gefallen, erinnert er doch an längst überwundene Zeiten, als lang gediente Topmanager von Allianz und der Deutschen Bank die Schicksale verschiedenster Branchen mitbestimmten. Die zunehmende Verflechtung ist auch angesichts der großen Umbrüche, die die deutsche Wirtschaft erlebt, alles andere als eine günstige Konstellation.

Zu den Zahlen: Von den insgesamt derzeit amtierenden oder laut Einladungen auf den Hauptversammlungen noch zur Wahl anstehenden 298 Aufsichtsräten haben zwar 263 nur ein Mandat und damit die überwiegende Mehrheit. Es gibt aber auch sechs Kontrolleure, die jeweils drei Mandate haben, und 29 mit immerhin noch zwei Mandaten. Diese 35 Aufsichtsräte haben damit eine große Machtfülle.

Zu den neuen sechs Topaufsichtsräten mit drei Mandaten gehören drei Vertreter der Porsche-Piëch-Autodynastie im fortgeschrittenen Alter – und zwar der 62-jährige Ferdinand Oliver Porsche (Porsche AG, SE, Volkswagen), der 81-jährige Hans Michel Piëch (Porsche AG, Porsche SE, Volkswagen) sowie der 80-jährige Wolfgang Porsche (Porsche AG, Porsche SE, Volkswagen).

Verflechtung durch Ausgründungen und Abspaltungen

Das Sextett komplettieren die schon länger amtierenden und bekannten Mehrfachkontrolleure Karl-Heinz Streibich (71) (Telekom, Munich Re, Siemens Healthineers) sowie Margret Suckale (67) (Telekom, Heidelberg Materials, Infineon) sowie die 56-jährige Chefin des Deutschen Aktieninstituts, Christine Bortenlänger. Sie überwacht Covestro, MTU und Siemens Energy.

Morning Briefing vom 31.05.2023

Verflochten: Die neue Deutschland AG / Verfasst: Ultrakurzappell gegen KI-Gefahren

31.05.2023
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Es gibt zudem nicht nur wieder mehr Multiaufsichtsräte. Der Analyse zufolge steigt auch die Vernetzung durch aktuelle Dax-40-Vorstände mit Mandaten in Dax-40-Aufsichtsgremien auf einen neuen Höchstwert. So ist etwa Arno Antlitz zugleich CFO bei Volkswagen und Aufsichtsrat der Porsche AG, Ralf Thomas fungiert als CFO von Siemens und überwacht Siemens Energy und Serena Lin ist Vorständin bei Bayer und kontrolliert Siemens Healthineers.

Die Renaissance der alten Deutschland AG zeigt auch die Häufung bekannter Namen wie Porsche und Piëch. Die Pendants dazu auf weiblicher Seite sind Nathalie von Siemens mit ihren beiden Mandaten bei Siemens und Siemens Healthineers sowie Simone Bagel-Trah, eine Ururenkelin von Fritz Henkel, die schon seit 14 Jahren dem Aufsichtsrat des Henkel-Konzerns vorsitzt.

Grund für die gestiegenen Verflechtungen sind Ausgründungen und Abspaltungen traditionsreicher deutscher Industriekonzerne. Dazu gehören Mercedes-Benz/Daimler Truck, VW/Porsche SE/Porsche AG, Siemens/Siemens Energy/Siemens Healthineers, durch die Aufsichtsräte sowohl Mandate bei der Muttergesellschaft als auch bei den Töchtern halten.

So sind fast 60 Prozent der Aktionärsvertreter der sechs Dax-40-Abspaltungen zugleich Vertreter von Ankeraktionären. Bei den restlichen Unternehmen sind es nur zwölf Prozent.

In Zeiten des Umbruch ist Aufsicht wichtig

Für die seit einigen Jahren in die Gänge gekommene Transformation der deutschen Aufsichtsräte ist das ein herber Rückschlag. Es war und bleibt richtig und wichtig, dass die Aufsichtsräte der 40 größten deutschen börsennotierten Konzerne weiblicher, internationaler, jünger und mit mehr fachlicher Kompetenz in Topthemen wie Nachhaltigkeit, Technologie und Finanzen besetzt sind und zugleich auch unabhängiger und kürzer gebunden sind.

Die deutsche Wirtschaft steht schließlich vor enormen Herausforderungen. Die Digitalisierung hat vielerorts zur Transformation ganzer Geschäftsmodelle geführt. Der Klimawandel zum Umdenken in puncto Nachhaltigkeit. Und auf die Coronakrise folgte unmittelbar der Ukrainekrieg und damit eine weitere Verschärfung der Energiekrise und Lieferkettenproblematik. Hinzu kommt ein Fachkräftemangel nie da gewesenen Ausmaßes und nun die Disruption durch die generative Künstliche Intelligenz.

Nie also war ein ausgewiesenes Fachgremium wichtiger als heute. Aufsichtsräte brauchen die Zeit und vor allem auch die Unabhängigkeit in den neuralgischen Themen Nachhaltigkeit, Technologie und Finanzierung, um einen Dax-Vorstand kontrollieren und beraten zu können.

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Nun gibt es zumindest in puncto Geschlecht durchaus Fortschritte: Nie gab es insgesamt mehr Frauen in den Dax-Aufsichtsgremien als derzeit. Die Quote liegt bei rund 38 Prozent. Diese wird jedoch durch eine gesunkene Internationalität wieder negativ ausgeglichen.

Hinzu kommt: Die Analyse zeigt eben nicht nur, dass sich die Macht wieder mehr bei einzelnen Personen konzentriert. Sie belegt auch, dass sich der Dax mit Abspaltungen aus traditionsreichen Industriekonzernen aus sich selbst heraus erneuern will. Ob diese doppelte alte Stärke auch eine neue sein kann, oder ob nicht mehr Neuzugänge, als Personen oder Konzerne, die Zukunft sind, ist die Frage.

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