Kommentar: Es ist nicht die Aufgabe von Airlines, politische Krisen zu managen
Nach der staatlich angeordneten Entführung einer Ryanair-Maschine in Weißrussland hat die EU Sanktionen gegen das Land verhängt, die stark die Luftfahrt betreffen.
Foto: APFür EU-Verhältnisse ging es schnell, überraschend schnell sogar. Am Pfingstsonntag wurde ein Jet von Ryanair auf dem Flug von Athen nach Vilnius auf Geheiß der weißrussischen Regierung in Minsk zu Boden gezwungen. Schon am Montagabend hatten sich die EU-Ratsmitglieder auf gemeinsame Sanktionen verständigt.
Dafür verdienen die politisch Verantwortlichen erst einmal Lob. In früheren Krisen dauerte es oft Wochen, bis sich die EU auf eine Linie einigen konnte, wenn es denn überhaupt gelang.
Doch aus Sicht der betroffenen Unternehmen, vor allem jenen aus der Luftfahrt, war das immer noch nicht schnell genug. Gerade bei Krisen, die sich vollkommen unerwartet auftun, brauchen Airlines eine schnelle und klare Ansage, was sie noch tun dürfen und was nicht. In der Zeit zwischen der Kaperung des Ryanair-Jets und den Beschlüssen des EU-Rats waren die Fluggesellschaften auf sich allein gestellt.
Natürlich sind die Unternehmen zunächst selbst für die Sicherheit in ihrem Betrieb verantwortlich. Gibt es eine Gefährdung von Mitarbeitern und Kunden, müssen sie handeln – ganz unabhängig davon, was in der Politik gerade diskutiert wird.
Doch es gibt Fälle wie den aktuellen in Weißrussland, wo die Beurteilung der Gefährdungslage kompliziert ist. Der Ryanair-Jet wurde zwar zu Boden gezwungen, sogar unter Begleitung eines Kampfflugzeugs. Ohne Frage ist das eine enorme Bedrohung. Doch die anschließende Verhaftung eines Regimekritikers an Bord – so verwerflich diese auch ist – hätte man auch als Einzelfall interpretieren können.
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Zumal vor und nach dem Vorfall viele Flugzeuge den weißrussischen Luftraum ohne Einschränkungen passieren konnten. Auch kam bei der staatlich angeordneten Zwangslandung des Flugzeugs kein anderer Passagier körperlich zu Schaden. Alle konnten schließlich weiterreisen. Erst die später erfolgte Durchsuchung einer Lufthansa-Maschine am Flughafen in Minsk vor dem Start machte deutlich, dass die Situation in dem Land aktuell schlicht unkalkulierbar ist.
Damit soll der Vorfall nicht verharmlost werden. Es soll aber aufgezeigt werden, wie schwierig es zuweilen für die Airline-Verantwortlichen ist, eine Krisensituation schnell und umfassend zu beurteilen. Es ist eine komplexe Abwägung zwischen dem Ziel, den Flugbetrieb möglichst lange aufrechtzuerhalten, um Passagiere und Crews aus dem Land zu bringen, und dem Risiko, dass dabei etwas passiert.
Die Unternehmen brauchen deshalb eine schnellere und bessere Unterstützung seitens der Politik. Das gilt erst recht, wenn eine Branche Bestandteil von Sanktionen wird, wie im Fall von Weißrussland. Außenpolitik ist nicht Aufgabe von Unternehmen.