Kommentar: Europas jahrzehntelanger Tiefschlaf bei Computerchips rächt sich jetzt

Reinraum der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg: Europa muss mehr Halbleiterspezialisten ausbilden.
Foto: dpaEs war gut, vor allem aber war es günstig: Jahrzehntelang ließ Europa seine Chips von Amerikanern entwickeln und von Asiaten produzieren. Jetzt aber rächt sich, dass sich der ganze Kontinent in weiten Teilen aus dem Geschäft zurückgezogen hat.
Denn im eskalierenden Chipstreit der Großmächte USA und China befindet sich Europa in der mit Abstand unbequemsten Position. Auf der einen Seite sind die Firmen in der EU von den führenden amerikanischen Halbleiteranbietern abhängig. Konzerne wie Nvidia, Intel oder Qualcomm liefern jene Hochleistungschips, mit denen heute unsere Rechenzentren laufen und in Zukunft die automatisierten Autos von Mercedes und VW.
Auf der anderen Seite geht es aber auch nicht ohne China. Aus den Fabriken der Volksrepublik stammen viele Standard-Chips, die technologisch wenig anspruchsvoll, aber dennoch unerlässlich sind für Werkzeugmaschinen, Wärmepumpen oder Solaranlagen.
Damit nicht genug: Die wenigen verbliebenen und weltweit relevanten europäischen Chipkonzerne sind sowohl auf die USA als auch auf China angewiesen. Infineon, STMicroelectronics und NXP brauchen die Maschinenhersteller aus Amerika, um ihre Fabriken auszustatten. Gleichzeitig beschäftigen sie dort Tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
China wiederum ist ein schwer zu ersetzender Absatzmarkt für die Europäer. Der Dax-Konzern Infineon etwa erzielte zuletzt knapp ein Viertel vom Umsatz in der Volksrepublik – kein anderes Land ist so bedeutend für Infineon.
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Demgegenüber sind die USA und China kaum auf Europa bei den Chips angewiesen. Es existiert lediglich ein Konzern, an dem die Rivalen gleichermaßen Interesse haben: der Anlagenbauer ASML. Nur mit den Maschinen der Niederländer lassen sich Halbleiter mit den kleinsten Strukturgrößen produzieren, also Bauelemente, wie sie etwa Apple fürs iPhone benötigt oder Nvidia für seine KI-Chips.
ASML allein reicht allerdings nicht, um in dem Konflikt selbstbewusst auftreten zu können. Europa muss daher dringend mehr Chipkompetenz aufbauen. Mit den Subventionen für neue Fabriken hat die EU einen Anfang gemacht. Aber sie reichen nicht, denn bislang entstehen keine neuen Werke, um die Halbleiter aus chinesischer Fertigung zu ersetzen. Zudem bilden die Universitäten viel zu wenig Spezialisten für die strategisch wichtige Branche aus.
Der Chipkrieg zeigt, dass Europa noch mehr Tempo machen muss. Denn eins ist klar: Wenn die USA oder China den Kontinent auch nur teilweise von der Chipversorgung abschneiden, stehen die Bänder schnell still.