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KommentarGeldpolitik: Und jetzt die Fehleranalyse

Die Zinsstraffung wirkt – wenn auch nur langsam. Es ist Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen. Die Gefahr der Inflation ist noch nicht gebannt.Frank Wiebe 10.05.2023 - 21:03 Uhr
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Der Preisdruck in den USA ist zwar schwächer, doch die neuen Daten sollten Experten zufolge keine zu große Vorfreude wecken.

Foto: Reuters

Die Inflation ist noch nicht gebannt, wie der Satz von immer noch 4,9 Prozent in den USA zeigt. Vor allem die Steigerung von 0,4 Prozent während des Monats April macht deutlich, dass die Dynamik weiterhin stark ist. Trotzdem nähert sich die strenge Geldpolitik dem Ende, weil ihre Wirkung erst jeweils Monate später voll durchschlägt.

Daher ist es an der Zeit, die Frage zu stellen: Was ist falsch gelaufen? Was hätten die Fed in den USA, die Europäische Zentralbank (EZB) und andere Notenbanken besser machen können? Geldpolitiker gestehen Fehler genauso ungern ein wie andere Politiker. Weil ihr Gebiet besonders komplex ist und sie keine Wahlkämpfe führen müssen, haben sie aber doch etwas mehr Chancen, aus Fehlern zu lernen – und das auch deutlich zu machen.

Hätten die Notenbanken früher auf die Inflation reagieren sollen? Wahrscheinlich. Das anfängliche Beharren darauf, der Preisdruck werde „vorübergehen“, war jedenfalls keine gute Idee, weil genau das nicht eingetroffen ist. Hätte ein früheres Gegensteuern einen großen Unterschied gemacht?Wahrscheinlich ja, aber weniger, als viele denken.

Im Grunde haben die Notenbanken zunächst wie im Lehrbuch gehandelt: Soweit Engpässe im Angebotsbereich liegen, etwa bei Mikrochips, Energie oder Lebensmitteln, können sie nichts daran ändern und sollten nicht unnötig die Konjunktur einbrechen lassen. In Europa war dies eindeutiger der Fall als in den USA, wo die Finanzpolitik während der Covid-Pandemie die Nachfrage stark angeheizt hatte. Deswegen war es auch logisch, dass die Fed eher als die EZB dann doch reagiert hat.

Notenbanken können bei einer von der Angebotsseite ausgehenden Inflation nur verhindern, dass sich der Preisauftrieb in der Breite verselbstständigt. Ist ihnen das gelungen? Zum Teil. In Europa blieb eine Lohn-Preis-Spirale zunächst aus, ist zuletzt aber doch etwas in Gang gekommen. Der enge Arbeitsmarkt auf beiden Seiten des Atlantiks macht es schwer, hier gegenzusteuern. Die Gefahr ist akut, dass vor allem im Dienstleistungssektor noch länger Druck im Kessel bleibt.

Stärkere Abgrenzung von der Finanzpolitik als Lösung?

Hätten die Notenbanken die Zinsen schneller erhöhen sollen? Da war nicht viel mehr drin, im historischen Vergleich war es ein rasanter Anstieg, der ja an den Märkten und im Finanzsystem auch starke Erschütterungen ausgelöst hat. Beim tieferen Blick in die Vergangenheit stellt sich dann auch die Frage: Hat die zuvor sehr lange Zeit sehr großzügige Geldpolitik in der akuten Krise eine Rolle gespielt? Das ist eine komplizierte Frage.

Eine populäre Vorstellung ist, sie habe zu viel Geld in die Welt gesetzt und damit die Preissprünge erst ermöglicht. Klar ist aber: Die Notenbank produziert nicht das Geld, das in der Wirtschaft umläuft. Das machen die Geschäftsbanken. Die Notenbanken haben darauf indirekt über ihre Zinspolitik Einfluss – aber so besehen spielt die Geldmenge dann doch keine selbstständige Rolle neben den Zinsen.

Eine Grundsatzfrage auch: Hätten die Notenbanken sich deutlicher von der Finanzpolitik abgrenzen sollen, die ja mit ihren zahlreichen Hilfsprogrammen die Nachfrage eher angeheizt hat? Es ist sicher wichtig, dass die Geldpolitik weitgehend unabhängig von der Finanzpolitik handelt. Auf der anderen Seite: Wäre es sinnvoll, dass mitten in der Krise beide gegeneinander arbeiten?

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Eine wichtige Frage ist auch: Wie sehr haben die Notenbanken an Glaubwürdigkeit eingebüßt? Eine neue Umfrage bestätigt der Fed in den USA einen neuen Tiefstand, wobei allerdings auch ihr Versagen in der aktuellen Bankenkrise eine Rolle spielt.

Auf der anderen Seite: Die einzige Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik zu messen, sind die Inflationserwartungen. Und die sind erstaunlich stabil geblieben. Alles in allem eine gemischte Bilanz, die zu tieferen Forschungen einlädt.

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