Kommentar: Jetzt müssen Start-ups die europäische Raumfahrt retten
Sie soll bald zum Jungfernflug starten – und ist plötzlich zu Europas Hoffnungsträger avanciert.
Foto: dpaDer Countdown läuft für die europäische Raumfahrt, und dieses Mal geht es nicht um die Sekunden bis zum Raketenstart. Die Branche zählt die Menge an Raketen, die Europa noch zur Verfügung hat: Es sind nur noch acht.
Vordergründig ist daran der Krieg in der Ukraine schuld. Bis eben war Verlass auf die gute alte Sojus-Rakete aus Russland, wenn der Start der neuen Ariane 6 wieder einmal verschoben werden musste. Und die kleine Vega konnte zuverlässig für Flüge in den niedrigen Erdorbit eingeplant werden – nun steht die Triebwerksfertigung in der Ukraine unter Beschuss.
Aber so einfach ist das nicht. Dass gerade mal acht Raketen übrig sind, zeigt, wie abhängig Europa technologisch von internationalen Partnern ist. Umso wichtiger wäre es gewesen, dass die europäische Raumfahrtagentur Esa den Wettbewerb um Missionen fördert. Stattdessen hat sie die etablierten Anbieter geschützt. Das rächt sich jetzt.
Auf einmal interessiert sich die Esa für heimische Start-ups wie Isar Aerospace aus München. Inmitten des Ukrainedramas muss man sagen: Das ist eine Chance, vielleicht sogar die Rettung der europäischen Raumfahrt.
Denn technologische Souveränität ist kein billiger Marketingbegriff, mit dem Start-ups um neue Investoren werben. Es ist schlimm, dass es einen Krieg gebraucht hat, um das zu verstehen. Und doch ist es besser spät als nie. Die EU und ihre Mitgliedsländer müssen jetzt ihre größten technologischen Schwachstellen analysieren, gezielt Forschung und Ausgründung fördern und die vielversprechendsten Jungunternehmen auch mit Aufträgen versorgen.
Zwar steht buchstäblich in den Sternen, ob Isar Aerospace jemals den Orbit erreicht. Noch werden Komponenten der Spectrum-Rakete des Unternehmens auf dem Teststand geprüft. Es ist wie bei vielen Innovationen in der Raumfahrt denkbar, dass sie beim noch für dieses Jahr geplanten Jungfernflug als Feuerball endet.
Doch selbst wenn die Firma akut nicht helfen kann, sollten die Akteure der Space-Industrie daraus lernen. Denn die Raumfahrt ohne Raketen ist erst der Anfang. Von hochmoderner Satellitentechnologie ist abhängig, ob ein Land offline oder online ist. Wie schon bei der Flut im Ahrtal waren auch die Menschen in der Ukraine darauf angewiesen, dass SpaceX-Gründer Elon Musk aus den USA ihnen sein Satelliteninternet Starlink zur Verfügung stellt.
Elon Musk fällt als Heilsbringer aus
Als alleiniger Heilsbringer fällt der Milliardär leider aus. Denn Musk ist hauptberuflich Unternehmer. Jetzt, wo immer mehr Länder von seinen SpaceX-Raketen abhängig ist, hat er erst mal die Preise für Satellitenstarts erhöht.
Der SpaceX-Chef dürfte zudem wenig Interesse daran haben, für die Europäer eine geplante Satellitenkonstellation zu installieren, die mit seiner eigenen Firma Starlink konkurriert. Somit wären auch europäische Autobauer beim autonomen Fahren von ihm abhängig. Wenn jedoch Konzerne wie VW und Porsche nach Zugang zu Starlink fragen, dürfte Musk zuallererst an sein anderes Unternehmen Tesla denken.
Europas Souveränität hängt jetzt auch von den drei Isar-Aerospace-Gründern ab, die vor wenigen Jahren noch an einem von Elon Musk initiierten Studentenwettbewerb teilgenommen haben. Es ist schon okay, wenn das ein mulmiges Gefühl auslöst. Aber Hand aufs Herz: Wie fantastisch wäre es für die Gründerszene, wenn es klappt?