Kommentar: Lagarde muss klarmachen, dass sie die Entwicklung unter Kontrolle bekommt

Wenn es neue Inflationszahlen gibt, sehen die einen das Glas halb voll und die anderen halb leer. So auch nach den Daten für Deutschland vom Mittwoch. 2,4 Prozent Preissteigerung über zwölf Monate war sogar etwas besser als vielfach erwartet. Ein Wert von 3,9 Prozent für den Bereich der Dienstleistungen kann dagegen nicht zufriedenstellen.
Denn gerade dort, in einem lohnintensiven Bereich, spielt die interne Preisdynamik die Hauptrolle – externe Effekt wie Energiepreise bleiben dagegen im Hintergrund. Die Aktienbörse hat entsprechend verschnupft reagiert, und die Renditen der deutschen Staatsanleihen sind wieder gestiegen.
Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) die weitgehend schon angekündigte Zinssenkung im Juni deswegen verschieben? Das wäre die falsche Reaktion. Jetzt ist Geduld eine geldpolitische Tugend.
Das heißt: nicht überhastet reagieren. Es heißt aber auch: keine überraschenden Rückzieher machen.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde muss deutlich machen, dass sie und ihre Kollegen die Entwicklung unter Kontrolle bekommen, auch wenn es etwas länger dauern könnte als erhofft. Alles andere würde nur noch mehr verunsichern.
Dasselbe gilt für Jerome Powell, den Chef der US-Notenbank (Fed). Er war wegen des stärkeren Wirtschaftswachstums in den USA mit Recht bisher noch zurückhaltender als Lagarde mit einer indirekten Ankündigung der lang erhofften Zinswende.
In den USA rechnen jetzt manche Ökonomen sogar damit, dass es noch eine Erhöhung geben müsste. Aber auch das wäre falsch, denn es würde signalisieren, dass die Geldpolitiker die Nerven verlieren. Powell sollte klarmachen: Die Zinswende kommt, aber wir warten noch etwas ab, um sicherzugehen, dass wir keinen Fehler machen.
Die Geldpolitiker brauchen also Geduld. Die Investoren und die Verbraucher brauchen sie auch.