Kommentar: Neuer, alter Dax: Die Aufsichtsräte von heute sind die von vorgestern

Die Familie dominiert die Aufsichtsräte im VW-Konzern.
Foto: © 2019 Bloomberg Finance LPDie Zeiten der Deutschland AG schienen eigentlich vorbei. Die Zeiten, in denen die größten deutschen Konzerne finanziell miteinander verflochten waren und in denen einige wenige Multiaufsichtsräte das Geschehen der deutschen Industrie nicht nur prägten, sondern in großen Teilen auch bestimmten.
Dass das auch noch überwiegend ältere Herren, gerne Ingenieure und Juristen, waren und von Haus aus privilegiert, kam noch hinzu. Es regierte eine Ein- statt die Vielfalt.
Der Grad der Verflechtung der Aufsichtsräte untereinander und die Zahl der Mehrfachmandate haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgenommen. Es sind auch immer mehr Frauen und Fachleute in die Gremien eingezogen, vor allem IT-, Finanz- und Nachhaltigkeitsexperten. Doch mit den diesjährigen Wahlen auf den aktuellen Hauptversammlungen ist die Machtkonzentration auf einige wenige ältere Herren, noch dazu aus der Autoindustrie, zurück.
Die Fakten: Die ersten vier Plätze in der Rangliste der mächtigsten Aufsichtsräte Deutschlands belegen nicht nur ausschließlich Männer, die jeweils – und zum Teil deutlich – über 60 Jahre alt sind.
Es sind auch erstmals allesamt Vertreter der Autoclans Porsche und Piëch. Wolfgang Porsche, 80, Hans-Michel Piëch, 81, und Ferdinand Oliver Porsche, 62, dominieren gemeinsam mit Hans Dieter Pötsch, 72, mit ihren jeweils drei Mandaten bei den Dax-Konzernen Porsche AG, Porsche SE, Volkswagen und Traton den Leitindex.
Machtkonzentration ist Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft
Und damit nicht genug: Auf Platz fünf folgt mit Siegfried Wolf, 65, ein weiterer früherer Automanager (Magna) mit entsprechenden Mandaten und auf Platz sechs mit Georg Schaeffler, 58, ein weiterer Eigentümerrepräsentant der Automobilzulieferkonzerne, dieses Mal von Continental, Schaeffler und Vitesco.
Das zeigt eine breit angelegte Analyse der Dax-Kontrollgremien von Handelsblatt und der Universität Göttingen. Der Autor der Studie, Wirtschaftswissenschaftler Michael Wolff, hält diese Entwicklung für „sehr bedenklich“, für Anlegerschützer Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und seit vielen Jahren Mitglied der Deutschen Corporate Governance Kommission, ist sie „fatal“. Und sie haben recht:
Diese neue, alte Machtkonzentration auf einige ältere Herren, die noch dazu Eigentümerrepräsentanten sind, und auf die Autoindustrie wirkt nicht nur aus der Zeit gefallen, sie ist auch ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft.
Diese Machtkonzentration zeigt erstens, dass wir Erbhöfe pflegen und tolerieren. An der Spitze der deutschen Industrie scheint nicht Expertise, sondern Herkunft, Seniorität und Geschlecht zu zählen. Die Herren Piëch, Porsche und Schaeffler sind schließlich Eigentümer. Sie nutzen den Kapitalmarkt, um sich Geld zu beschaffen, ignorieren dann aber die Vorgaben zur guten Unternehmensführung, die etwa die Unabhängigkeit eines jeden Aufsichtsrats vorsieht.
Und damit das so schrecklich schön weitergeht, haben sie natürlich auch schon die nächste Generation im Blick. Sophie Piëch ist im Juni in den Aufsichtsrat der Porsche SE gewählt worden. Sie ist eine der Top-Aufsteigerinnen des Rankings 2023. Die 29-jährige Chemikerin steht damit zwar qua Person für Vielfalt, als Urenkelin von Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche ist sie aber auch Repräsentantin des deutsch-österreichischen Autoclans und somit trotz ihrer Jugend im übertragenen Sinn von vorgestern.
Deutsche Autoindustrie steht unter Transformationsdruck
Zweitens offenbart diese Analyse, wie sehr die deutsche Wirtschaft an der Autoindustrie hängt. Das war in früheren Zeiten vielleicht noch von Vorteil; auch wenn Monokulturen schon immer nur kurzfristig erfolgreich waren. Schließlich dominierten die deutschen Autobauer die Straßen der Welt. Doch das war leider vorgestern.
Die Elektromobilität bremst den Verbrenner aus. Und die internationale Konkurrenz ist erstarkt. Mit Tesla und chinesischen Herstellern wie BYD sind neue, innovationsstarke Wettbewerber entstanden. Die deutsche Autoindustrie muss sich transformieren. Schafft sie das nicht, was bei diesem neuen, alten Führungspersonal zu befürchten ist, hängt die gesamte deutsche Industrie am Tropf.
Oder, wie mir ein Leser via LinkedIn schrieb: „Kein Wunder, dass Deutschland mit dieser alten Herrenmannschaft keine Zukunftsstrategien entwickelt. Die Hauptversammlungen sollten den Aufsichtsräten keine Entlastung mehr erteilen, wenn die Unternehmen kein schlüssiges, klimapositives Transformationsmodell vorlegen können.“
Drittens: Das Ranking belegt leider auch, dass wir ein Nachwuchsproblem im Dax haben. Der deutsche Leitindex erneuert sich zunehmend durch Abspaltungen. Für diesen Trend stehen Porsche SE und Porsche AG, Mercedes und Daimler Truck, Volkwagen und Traton (SDax), Siemens, Siemens Energy und Siemens Healthineers. Newcomer wie der Impfstoffhersteller Biontech lassen sich lieber an der Nasdaq notieren als hierzulande. Kein Wunder also, dass auch die personelle Verflechtung steigt.
Natürlich lässt sich einwenden, dass Porsche und Piëch für die (wirklich) gute alte Tradition der erfolgreichen Familienunternehmen stehen, die das Herzstück unserer deutschen Wirtschaft sind. Das ist auch richtig und wichtig. Doch brauchen diese Familien-Konzerne keine Dax-Notierung – oder wenn doch, dann bitte zu den diversen und demokratischen Anlegerregeln, die dort herrschen sollten. Denn sonst riskiert die deutsche Wirtschaft ihren international guten Ruf. Internationale Investoren tolerieren so einen (deutschen) Klüngel nämlich nicht.