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Kommentar Offerte für Thyssen-Stahlsparte: Liberty-Chef Gupta beherrscht die Kunst der Verführung

Die Kaufofferte für die Thyssen-Stahlsparte sieht wie ein Außenseiterangebot aus, ist aber eine interessante Alternative – auch für die Aktionäre.
18.10.2020 - 17:30 Uhr Kommentieren
Sein unerwartetes Angebot für Thyssen-Krupp-Steel ist eine interessante Alternative für den Ruhrkonzern. Quelle: AFP
Liberty Steel-Chef Sanjeev Gupta

Sein unerwartetes Angebot für Thyssen-Krupp-Steel ist eine interessante Alternative für den Ruhrkonzern.

(Foto: AFP)

Die Offerte kam aus dem Nichts: Am Freitag meldete der britische Konzern Liberty Steel überraschend Interesse an der Stahlsparte von Thyssen-Krupp an. Zwar ist über die Details derzeit wenig bekannt, doch zumindest in einem Punkt hebt sich das Angebot der Briten markant von allen anderen ab. Liberty will das Geschäft komplett übernehmen – anders als etwa SSAB oder Tata, die sich dem Vernehmen nach bislang nur für einen Teil von Thyssen-Krupp Steel interessieren.

Damit nehmen die Briten zwar eine Außenseiterrolle ein, auch weil die Konzernführung in Essen bereits hat durchblicken lassen, einen Teilverkauf zu favorisieren. Doch Liberty-Chef Sanjeev Gupta beherrscht die Kunst der Verführung – und eröffnet dem Management plötzlich eine Alternative: Nach Handelsblatt-Informationen bietet er mehr als den derzeitigen Bilanzwert des Geschäfts. Das würde es dem Ruhrkonzern ermöglichen, sich ohne Verlust aus der defizitären Stahlproduktion zurückzuziehen. Damit bietet Liberty auch den Thyssen-Krupp-Aktionären eine attraktive Perspektive.

An die Gewerkschaften hat Gupta dabei ebenfalls gedacht: Er sichert den Arbeitnehmern zu, die bislang mit dem Management getroffenen Vereinbarungen zu respektieren. Die sehen milliardenschwere Investitionen vor, um die in die Jahre gekommenen Anlagen wieder zu modernisieren.

Zudem will Liberty den Hauptsitz seiner europäischen Aktivitäten bei Zustandekommen des Deals nach Deutschland verlegen. Auch das darf als Charmeoffensive gegenüber der IG Metall gewertet werden, die bei einer Übernahme durch einen ausländischen Konkurrenten die Mitbestimmungsrechte gefährdet sieht.

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    Offen bleibt jedoch die wichtige Frage nach der Finanzierung. Denn Thyssen-Krupp wäre nicht die einzige große Transaktion, die Liberty aktuell zu finanzieren hätte. Erst im vergangenen Jahr kaufte der Konzern verschiedene europäische Werke von Arcelor-Mittal für rund 740 Millionen Euro auf, zudem erweiterte die Gruppe ihre Aktivitäten in den USA durch mehrere Zukäufe. Geld dürfte Gupta damit derzeit nicht verdienen – was die Frage aufwirft, ob sich der Konzern, der auf eine vergleichsweise kurze Geschichte in der Stahlproduktion zurückblickt, mit der Übernahme von Thyssen-Krupp nicht finanziell übernimmt.

    Für die anderen Interessenten im Bieterprozess, die die Zügel bislang wegen der scheinbar ausweglosen Lage des Ruhrkonzerns weitgehend in der Hand hielten, hat das Angebot von Liberty die Messlatte dennoch spürbar erhöht. Nun ist es an ihnen, ein überzeugenderes Konzept vorzulegen – wenn sie denn können.

    Mehr: Stahlarbeiter erklären, warum der Staat bei Thyssen-Krupp einsteigen soll – und Liberty keine Lösung ist.

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