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KommentarRocket Factory Augsburg sollte sich wegen der Raketenexplosion nicht grämen

Das Start-up erlebte ein Desaster – seine erste Rakete explodierte im Teststand. RFA lässt sich aber nicht beirren. Deutschland kann viel von solchen Unternehmern lernen.Thomas Jahn 27.08.2024 - 16:31 Uhr
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Vor einer Woche ging die Rakete von der Rocket Factory Augsburg (RFA) in einem Feuerball auf. Foto: BBC

Die Bilder waren erschreckend, als vor einer Woche die Rakete von der Rocket Factory Augsburg (RFA) in einem Feuerball aufging. Der Schock saß tief, doch es gab gleich danach viel Zuspruch und Unterstützung von Experten, Kunden und Konkurrenten.

Auf Kritik musste das Start-up aber auch nicht lange warten. Die Rocket Factory Augsburg habe zu wenige Tests gemacht, die Anteilseigner hätten Druck ausgeübt und auf einen schnellen Start gedrängt. Die Vorwürfe schienen plausibel, immerhin ging es um nichts Geringeres als um die Frage: Wer bringt die erste private deutsche Rakete ins Weltall?

Dabei sind die Vorhaltungen nicht belastbar. Die Motoren sind mehr als hundertmal zuvor getestet worden, dazu basieren sie auf einem Design, das es seit Jahrzehnten gibt und beispielsweise jetzt auch von dem amerikanischen Raumfahrtpionier SpaceX beim neuen Raumschiff Starship eingesetzt wird.

Der unsichtbare Schaden des Nichtstuns

Über das Für und Wider des Raketenstarts ließe sich sicherlich lange diskutieren. Aber vor allem steckt hinter den kritischen Stimmen die deutsche Eigenschaft, kein Risiko einzugehen und alles bis zum Umfallen zu testen. Am Ende ist der Fortschritt eine Schnecke, weil keiner etwas wagt.

Es hört sich zynisch an, aber das Start-up RFA sollte sich nicht allzu lange grämen wegen der Explosion. Das junge Raumfahrtunternehmen steht für die Risikobereitschaft, die unserem Land fehlt. Die Vollkaskomentalität speist sich aus dem Gedanken, wer es nicht versucht, der kann auch nicht scheitern. Wer aber scheitert, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Der Schaden ist immens, nicht nur für RFA, sondern für Deutschland. Kein Wirtschaftsinstitut, kein Ökonometriker oder Statistiker kann ihn bemessen: die nicht gegründeten Unternehmen, die entgangene Freude und Begeisterung über den Erfolg. Hinzu kommen nicht gezahlte Gehälter und Steuern, die uns wegen fehlenden Unternehmermuts durch die Lappen gehen.

Kritik ist wichtig, darf aber nicht übertrieben sein

Die Folgen dieser Entwicklung kann jetzt schon jeder sehen. Deutschland glänzt in Forschung und Wissenschaft in vielen Bereichen, spielt aber bei Software, Künstlicher Intelligenz oder Raumfahrt wirtschaftlich gesehen kaum eine Rolle. Wir setzen auf das Altbekannte, die allmähliche Verbesserung von Autos, Maschinen oder Chemikalien, während sich die Welt um uns herum rasend schnell verändert. Da können die Strafzölle noch so hoch ausfallen. Sie werden Autos oder Maschinen aus China nicht von den Märkten fernhalten.

Deutschland ist nicht Amerika und muss es auch nicht werden. Aber wir sollten von den USA lernen, unsere Schwächen erkennen und ausgleichen – und mehr Zukunft wagen. Wer in Amerika pleitegeht, der gilt als erfahren – in Deutschland aber als gescheitert.

Die Albträume der Unternehmer

Dabei brauchen wir mehr Nachsicht, wenn wir unsere Ziele nicht erreichen, und vor allem müssen wir anderen und uns auch selbst eine zweite Chance einräumen. An der Raumfahrt kann man das wunderbar darstellen. Fehlversuche und Explosionen gehören hier dazu wie der Regen zu Hamburg. So gingen die ersten drei Raketen von SpaceX von 2006 bis 2008 in Flammen auf. Elon Musk wachte damals nachts schreiend auf, gepeinigt von Albträumen und Stress.

So kann man sich die furchtbare Zeit der RFA-Gründer und ihres Teams vorstellen, die sie derzeit durchmachen. Statt sie aber zu unterstützen, streuen wir Salz in ihre Wunden: Was soll das auch mit der Raumfahrt, schließlich gibt es genug Raketen und überhaupt: Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um.

Ganz falsch. Raumfahrt wird zu einer Schlüsselindustrie und das 21. Jahrhundert nachhaltig bestimmen. Die Kosten für den Transport in den Weltraum fallen rapide, was neue Geschäftsmodelle wie Satelliteninternet oder Erdbeobachtung ermöglicht. Zwischen den USA und China ist längst ein neues „Space Race“ entbrannt, um die Ressourcen auf dem Mond und anderen Erdtrabanten und Planeten zu heben.

Deutschland ist eine Raumfahrernation

Deutschland gehörte früher zu den Raumfahrtpionieren. Kein Wunder, spielt der Bereich in unsere Stärken: hohe Ingenieurswissenschaft, bester Maschinenbau und qualitätsstarke Montage. Zu den drei Raumfahrtpionieren in der Weltgeschichte zählt der Deutsche Hermann Oberth, der aufgrund seiner Nazivergangenheit vielleicht nicht zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Aber der Raumfahrt sollte nicht das Gleiche widerfahren.

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Viele deutsche New-Space-Firmen wie RFA, Isar Aerospace, Hyimpulse oder The Exploration Company zeigen, wie viel Expertise und Begeisterung es in unserem Land für diesen Bereich gibt. Auch etablierte Unternehmen wie Airbus Defence and Space oder OHB bauen in Bremen und an anderen Standorten erstklassige Raumkapseln oder Satelliten.

SpaceX hat gezeigt, was möglich ist, wenn man Begeisterung mit Ingenieurskunst und Unternehmertum mischt. Heute ist das Start-up ganze 210 Milliarden Dollar wert und beschäftigt mehr als 13.000 Menschen. Es braucht viel mehr solcher Unternehmen wie SpaceX in den kommenden Jahrzehnten. Wenn wir mehr riskieren und weniger kritisieren, dann wird vielleicht eines davon aus Deutschland kommen.

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