Kommentar: SAP-Chef Klein schockiert die Anleger – und handelt doch radikal richtig
Der Softwareanbieter soll eine Cloud-Company werden.
Foto: AFPDüsseldorf. Ob Christian Klein mit einem derart heftigen Kurssturz gerechnet hat? Natürlich weiß der SAP-Chef um die traditionelle Sensibilität der Investoren, wenn es um die operative Marge des Softwareherstellers geht.
Und Abstriche von mittelfristig etwa vier bis fünf Prozentpunkten bei dieser so wichtigen Kennzahl sind ein harter Schlag für die Aktionäre. Bei einem Einbruch der Aktie von über 20 Prozent in den ersten Handelsminuten hat aber sicher auch der 40-Jährige schlucken müssen.
Er werde den Erfolg der Kunden nicht für die kurzfristige Optimierung der Marge opfern, sagte er. Das ist radikal und eine Zumutung für die Aktionäre. Und trotzdem ist es richtig, weil es konsequent und visionär ist.
Der jüngste Dax-Chef schließt eine ebenso große wie riskante Wette auf die Zukunft von SAP und sich selbst ab. Er setzt (fast) alles auf die Cloud.
SAP soll eine Cloud-Company werden
Bis 2025 soll SAP über 22 Milliarden Euro mit dem Cloud-Geschäft erlösen, das wären dann fast zwei Drittel des Konzernumsatzes. Im vergangenen Jahr lag der Anteil bei 30 Prozent. Damit die Kunden schneller von der margenstarken klassischen Lizenzsoftware auf Cloud-Abonnements umsteigen können, will Klein ordentlich investieren – auf Kosten der Profitabilität.
Das ist nicht weniger als ein Strategiewechsel, der auch für den Kulturwandel wichtig ist. SAP soll eine Cloud-Company werden. Das funktioniert nur, wenn der CEO vorangeht.
Insofern ist die Ankündigung auch ein wichtiges Signal in die eigenen Reihen. Besonders in der Zentrale in Walldorf fehle den Mitarbeitern noch das richtige „Mindset“, heißt es intern immer wieder. Es gelte, das ganze Unternehmen in die Cloud zu bringen. Das tut Klein nun.
Keine Frage, neue hohe Investitionen in die Cloud ankündigen und gleichzeitig durchwachsene Zahlen für das dritte Quartal vorlegen, die Prognose für das laufende Jahr kappen und die mittelfristigen Ziele nach unten korrigieren – das ist ziemlich viel auf einmal für die erfolgsverwöhnten SAP-Anleger.
Aber die Coronakrise ist auch kein schlechter Zeitpunkt für Klein, die ambitionierten Pläne seines Vorgängers zu kassieren. Die Steigerung der operativen Marge um fünf Prozentpunkte auf 34 Prozent, die der mit großem Verkaufstalent ausgestattete Bill McDermott den Aktionären einst versprochen hatte, ist angesichts der Pandemie ohnehin nicht zu halten.