Kommentar: Unsere Mobilität muss teurer werden
Wir zahlen für unsere Mobilität nicht den Preis, der eigentlich zu entrichten wäre.
Foto: dpaFrankfurt. Vielleicht täuscht der Eindruck. Doch es sieht so aus, als wäre seit Wochen jeder in Deutschland unterwegs. Die Terminals an den Flughäfen sind überfüllt. Manche Bahnsteige sind so voll, dass es kaum noch möglich ist, jenen Abschnitt zu erreichen, wo der Waggon mit der korrekten Wagennummer – hoffentlich – hält. Und auf den Autobahnen geht es vielerorts auch kaum noch voran. Klar, es ist gerade Sommer – und damit Ferienzeit. Da sind Staus an der Tagesordnung.
Doch scheint Deutschland in diesem Jahr so sehr auf Tour zu sein wie niemals zuvor. Allerorten ist der Verkehrskollaps zu sehen und zu spüren. Wir überfordern mit unserem Drang nach Mobilität die Systeme.
Das hat viele Gründe. Einer ist sicherlich der viel zitierte Investitionsstau. Über Jahre haben die öffentliche Hand sowie die Unternehmen in Staatshand wie die Deutsche Bahn oder die Deutsche Flugsicherung zu wenig in die jeweiligen Verkehrsträger investiert.
Gleise und Schienen sind marode, ebenso viele Autobahnbrücken, nicht zu vergessen der Personalmangel bei den Fluglotsen. Die schwarze Null im Staatshaushalt war wichtiger, als zu investieren. Die Rechnung dieser falsch gesetzten Priorität wird jetzt präsentiert.
Außerdem wird es immer schwieriger, bei den Bürgern um Verständnis für Infrastrukturprojekte zu werben. Doch diese bekannten und immer wieder genannten Ursachen reichen nicht, um das aktuelle Chaos zu erklären.
Reisen ist zu billig geworden
Der Kern des Problems ist ein anderes: Wir zahlen für unsere Mobilität nicht den Preis, der eigentlich zu entrichten wäre. Reisen ist zu billig geworden. Weil es aber so erschwinglich ist, nutzen die Konsumenten diese Angebote reichlich. Dreimal pro Jahr in den Urlaub zu fliegen ist keine Ausnahme mehr, auch nicht für eine vierköpfige Familie.
Der Kurztrip am Wochenende – längst Routine in vielen Haushalten. Eben schnell zu einer Besprechung fahren, von der man vorher schon weiß, dass nichts dabei herauskommt – kostet ja (fast) nichts. Das Angebot bestimmt die Nachfrage, die Gültigkeit dieses Marktgesetzes ist in der Reisewelt derzeit besonders gut zu beobachten. Die wachsenden Probleme in Flughäfen, Bahnhöfen und auf Autobahnen zeigen jedoch, dass eine Grenze erreicht ist.
Immer mehr Reisen für immer weniger Geld – das wird nicht mehr funktionieren. Wir brauchen Mobilität, das ist unstrittig. Ohne sie geht es in der zunehmend vernetzten Welt schlicht nicht mehr. Gerade deshalb müssen die Systeme aber verlässlich arbeiten. Das kostet nun mal Geld.
Dabei geht es nicht nur um Investitionen in die Infrastruktur. Es geht auch darum, ausreichend und qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen, die entsprechend bezahlt werden müssen. Die Streiks des fliegenden Personals bei der irischen Airline Ryanair, aber auch die Probleme vieler Flughäfen, Bodenpersonal zu rekrutieren, zeigen, wie wichtig dieses Thema ist. Airlines, die immer weniger für Gebühren und Löhne zahlen, schädigen sich letztlich selbst.
Mobilität muss nachhaltig sein
Und es geht auch um das Thema Umwelt. Eine funktionierende Mobilität muss nachhaltig sein, sonst wird sie keinen Bestand haben können. Bei der Nutzung der Verkehrsträger wird etwa die Umweltbilanz viel zu selten berücksichtigt. Die Arbeitsteilung zwischen der Bahn für kürzere Distanzen und dem Luftverkehr für Fernreisen ist längst noch nicht optimal, um nur eine mögliche Stellschraube für ein nachhaltiges und damit umweltschonenderes Verkehrssystem zu nennen.
Es ist Zeit, beim Thema Mobilität umzusteuern. Notwendig ist dazu ein ganzheitlicher Blick. Da hilft es nicht, einzelne Verkehrsträger wie Flugzeug, Bahn oder Auto isoliert zu analysieren, sondern deren Zusammenspiel muss betrachtet werden. Das Stichwort lautet modularer Verkehr.
Notwendig ist aber auch die Erkenntnis, dass weniger vielleicht doch mehr ist. Eine Erkenntnis, die leider nur wenige Konsumenten teilen. Sie mögen zwar vom Chaos an den Flughäfen und den übervollen Zügen genervt sein, handeln aber schizophren. Sie finden die Arbeitsbedingungen bei Ryanair kritikwürdig und kaufen doch deren Billigticket.
Sie wollen den großen SUV, auch wenn sie wissen, dass sie damit vor allem in der Stadt fahren und dass jeder verkaufte SUV es für die Hersteller schwieriger macht, die Verbrauchs- und Emissionsvorgaben der EU zu erfüllen. Was bleibt, ist der Appell an die Unternehmen und die Politik. Letztere muss durch Investitionen endlich die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Mobilität wieder zuverlässig wird.
Die Unternehmen wiederum müssen den Verbrauchern endlich die wahre Rechnung für das Reisen präsentieren. Das Beispiel der ins Schlingern geratenen Auto-Industrie führt jedem Manager vor Augen, dass, wer zu lange wartet, hart bestraft wird. Nur wenn wir alle merken, was Mobilität wirklich kostet, werden wir wieder vernünftig mit diesem wertvollen Gut haushalten.