Kommentar: Was man von Xi Jinping lernen kann

Im Jahr 2009 durfte ich dank eines Stipendiums der Zeit-Stiftung als Journalist ein Semester lang an der Harvard-Universität verbringen. Ich war damals nicht nur vom Campus und vom gigantischen Bibliothekssystem beeindruckt, einem der ältesten der Welt, sondern vor allem von den Begegnungen, die diese Hochschule ermöglicht.
Als ich damals einen Vortrag über islamistischen Terrorismus in Europa und die Versäumnisse der Sicherheitsbehörden hielt, meldete sich ein älterer Zuhörer und setzte zur Gegenrede an.
Es stellte sich heraus, dass es der einst höchste Geheimdienstaufseher Großbritanniens war, der nun ebenfalls als Gastwissenschaftler Station in Cambridge machte. Es entspann sich eine lange Diskussion über die Frage, ob das Streben nach maximaler Sicherheit mit dem Gedanken maximaler Freiheit vereinbar ist.
So behielt ich Harvard in Erinnerung: als Ort der Inspiration und kontroversen Debatte, als Zusammenkunft von Menschen, denen nicht nur die wissenschaftliche Exzellenz ein Anliegen ist, sondern auch eine funktionierende, liberale und moderne Gesellschaft. Und selbstverständlich ist Harvard auch der Geburtsort vieler Innovationen, vom ersten lochstreifengesteuerten Relaisrechner bis zur Lebertransplantation mit lebendem Spender.
Alan Garber, der aktuelle Harvard-Präsident, steht für all das – was man daran ablesen kann, wie er in diesen Tagen seine Universität gegen den Vernichtungsangriff von US-Präsident Donald Trump verteidigt: mit Mut, Widerspruch, mit defensiver Härte.
Er gleicht darin Jerome Powell, dem Chef der US-Notenbank. Auch Powell ließ in den vergangenen Wochen die harten Attacken Trumps an sich abperlen, auch er steht fest wie ein Fels zu seinen Überzeugungen und zu seinem Amt, das von ihm politische Unabhängigkeit fordert, die er nun ausgerechnet gegen den mächtigsten Mann der Welt verteidigen muss. Mit Erfolg: Trumps öffentliches Zugeständnis, den Fed-Chef nicht feuern zu wollen, ist auch eine Konsequenz aus dessen Beharrlichkeit.
„Wir sind Chinesen – wir geben nicht nach“
Von Garber und Powell lässt sich vieles lernen, zum Beispiel für die Verhandlungen, die nun die EU mit Trump führen muss: dass man einen Angriff nicht unbedingt mit einem ebenbürtigen Angriff kontern muss, dass Unterwürfigkeit aber auch keine gute Antwort ist, dass nur Standfestigkeit hilft, Unbeirrtheit, Aktivität aus innerer Ruhe, so wie es die Stoa lehrt.
Letztlich hat auch Chinas Präsident Xi Jinping mit einer ähnlichen Haltung im Zollkonflikt mit Trump die Oberhand behalten: nicht zurückweichen, standhaft bleiben. „Wir sind Chinesen“, schrieb die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums. „Wir geben nicht nach.“
Seinen Rückhalt im eigenen Volk, um diesen Kampf durchzustehen, sichert sich Xi natürlich nicht mit demokratischen Methoden, sondern mit einer Stärkung autoritärer und brutaler Instrumente. Seine Strategie aber ist erfolgreich: Trump zeigt sich plötzlich versöhnlich. Er sei bereit, die Zölle von 145 Prozent, die er China auferlegt hat, wieder zu senken. Warum Xi aus diesem Konflikt gestärkt hervorgeht, beschreiben wir in unserer Titelgeschichte in dieser Woche.
Es ist nicht so, dass Trumps Kritik an Harvard völlig ohne Berechtigung ist. Unter Garbers Vorgängerin Claudine Gay war die Elite-Universität in Verruf geraten. So hatte sich Gay nicht klar von Studenten distanziert, die hasserfüllt und mit antisemitischen Parolen gegen Israel demonstriert hatten. Doch Trumps Attacke geht viel weiter, sie ist Teil seines Kulturkampfs, den er gegen von ihm verachtete Institutionen der liberalen Demokratie führt.
Harvard vs. Trump
Per Brief hat seine Regierung die Universitätsleitung aufgefordert, ausländische Studenten bei Verstößen den Bundesbehörden zu melden. Außerdem sollten Diversitätskriterien bei Einstellung und Zulassung abgeschafft werden. Harvard-Präsident Garber widersprach: Die Einrichtung werde „nicht über ihre Unabhängigkeit oder ihre verfassungsmäßigen Rechte verhandeln“. Daraufhin blockierte Trumps Administration Milliarden an Fördergeldern, die Universität hat dagegen Klage eingereicht. Es ist ihr Versuch, nicht nur sich, sondern auch die Grundfeste der Demokratie zu retten, die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Derartige Rettungsversuche sind nötiger denn je.
„Die Demokratie stirbt durch tausend Schnitte. Und man merkt erst, wie stark man blutet, wenn es schon zu spät ist“, warnt die philippinische Journalistin und Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa in der US-Zeitschrift „The Atlantic“. Sie hat erlebt, wie in ihrem Land die demokratischen Institutionen unter einem neuen Präsidenten in nur einem halben Jahr zerstört wurden.
Menschen wie Harvard-Präsident Garber und Fed-Chef Powell können die USA davor bewahren.
