Kommentar: Was uns ein junger Unternehmer aus Finnland lehrt

Die Geschichte dieser Tage ist für mich die Geschichte des finnischen Unternehmers Peter Sarlin. Sarlin hat im Sommer sein Start-up Silo AI an den Chipgiganten AMD aus den USA verkauft. Jetzt spendiert er einen Teil der Verkaufserlöse und finanziert seinem Land 13 Professuren für Künstliche Intelligenz. Er dürfte damit die Bildungs- und Forschungslandschaft Finnlands mit einem Schlag revolutionieren, ohne Mandat, ohne großen Plan der Politik, einfach so.
Für mich ist Sarlin ein „role model“, ein Typus von Unternehmer, der auch Deutschland guttäte. Einer, der nicht wartet, bis sich die politischen Rahmenbedingungen verbessern, sondern selbst aktiv wird, der gesellschaftlichen Einfluss ausübt, indem er Fakten schafft, schlicht weil es ihm sein Reichtum und sein Wissen ermöglichen.
Diese Macht haben viele Unternehmer, manche setzen sie ein. Auch Elon Musk hat bekanntermaßen sehr viel Geld, auch Musk nutzt seinen Reichtum, um gesellschaftlichen Einfluss auszuüben. Im Unterschied zu Sarlin sind seine Ambitionen aber selten altruistisch: Derzeit bekämpft Musk das Prinzip der liberalen Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft, wie wir es in Europa kennen, seine jüngsten Disruptionen uns gegenüber waren selten konstruktiv.
Mit Musk und seinem künftigen Einfluss, vor allem auf Donald Trump, beschäftigen wir uns diese Woche auch in unseren Titelgeschichten.
Das Scheitern der Eliten, ihr Unvermögen und vielleicht auch Unwillen, den Aufstieg der Autokratie zu verhindern, ist in jüngerer Vergangenheit schon oft thematisiert worden. „Überall dort, wo die Wirtschaft des Informationszeitalters gebildeten städtischen Eliten Geld und Macht beschert, sind populistische Führer entstanden, um die weniger Gebildeten zu vereinen“, schrieb kürzlich David Brooks im US-Magazin „The Atlantic“.
Peter Sarlin ist das Gegenmodell, sein Engagement für die Bildung schafft gesamtgesellschaftlichen Mehrwert. Da spielt die Frage, ob er mit seiner Spende vielleicht auch Steuern sparen wollte, eine nebensächliche Rolle.
Meine Kollegin Larissa Holzki, die in unserer Redaktion das KI-Team leitet, traf Sarlin zum ersten Mal im Mai vergangenen Jahres. Sie moderierte ein Panel, auf dem er mitdiskutierte. Sie erlebte einen jungen, klugen Experten, der sein Wissen auch als Professor für maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz an der Aalto University Helsinki weitergibt. 2017 hatte er mit fünf Partnern Silo AI gegründet, das sich schnell zu Europas größtem privaten Labor für Künstliche Intelligenz entwickelte.
Umso überraschter war Larissa, als sie im Sommer vom Verkauf des Start-ups hörte. AMD zahlte 665 Millionen US-Dollar, Sarlin hielt damals 40 Prozent an dem Unternehmen.
Ökosysteme im Bereich Künstliche Intelligenz schaffen
Als Larissa ihren Sommerurlaub in Helsinki verbrachte, schrieb sie Sarlin, der bis heute an der Spitze von Silo AI steht, kurzerhand eine Nachricht und fragte, ob er Zeit für einen Kaffee habe. Er lud sie nach Turku ein, eine Stadt an der Südwestküste Finnlands, und zeigte ihr die Gegend. Über den Jahreswechsel verfestigten sich seine Pläne, landesweit KI-Professuren zu finanzieren, in der vergangenen Woche schrieb Larissa die Geschichte dazu auf.
In Deutschland werben die Parteien gerade mit Programmen, wie sie die Wirtschaftsflaute im Land beenden wollen. Keine Frage, es ist Aufgabe der neuen Bundesregierung, die Rahmenbedingungen für große wie kleine Unternehmen zu verbessern, sie von zu hohen Staatskosten und zu viel Bürokratie zu befreien, vor allem aber, ihnen wieder die Zuversicht zu geben, dass sich Investieren in Deutschland lohnt.
Dazu braucht es auf der Gegenseite aber Unternehmerinnen und Unternehmer, die diese Zuversicht annehmen, die von sich aus aktiv werden, am besten so unkonventionell wie Peter Sarlin.
In Interviews spricht der junge Unternehmer von Ökosystemen, in denen technologischer Fortschritt entstehe. Orten also, an denen Menschen aufeinanderstoßen, die aus unterschiedlicher Perspektive am selben Problem arbeiten und womöglich Lösungen finden, auf die sie allein nie gekommen wären.
Seine Initiative ist auch ein Versuch, mehr dieser Ökosysteme im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu schaffen, damit Finnland, damit Europa innovativer wird. Er glaube, Europa habe dafür eine gute Basis, sagt Sarlin. Es ist auch sein Optimismus, der ihn treibt.
Die Politik kann helfen, die Grundlage für derartige Ökosysteme auch in Deutschland zu schaffen. Es wäre für die kommenden Monate sogar ihre dringendste Pflicht. Mit Leben aber müssen sie andere füllen. So, wie Peter Sarlin es uns in Finnland gerade vormacht.