Kommentar: Wer das Verbrennerverbot kippen will, führt eine Scheindebatte

Woran man erkennt, dass IAA ist? Die Politik ist wieder im Autorausch. Kanzler Friedrich Merz will per Autogipfel Orientierung geben, CSU-Chef Markus Söder wirbt mit seinem eigenen Zehn-Punkte-Plan um Aufmerksamkeit, SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hält demonstrativ dagegen und sagt: Er kann sich eine E-Förderung vorstellen.
Doch während hierzulande über Verbrennerfristen, Ladepunkte und Bürokratieabbau diskutiert wird, entscheidet sich die Zukunft des Autos längst anderswo – in China. Dort gibt es einen klaren Plan: Bis 2035 sollen Elektroautos die Mehrheit der Neuwagen ausmachen – ob rein batterieelektrisch, mit Stecker oder kleinem Verbrennungsmotor als Reichweitenverlängerer.
Peking setzt seinen industriepolitischen Kurs gnadenlos diszipliniert um. Deutschland und Europa dagegen wirken, als würden sie noch immer die Spielregeln ausknobeln, obwohl das Turnier schon lange läuft.
Umso fahrlässiger ist es, wenn Söder jetzt fordert, das EU-weite Verbrennerverbot 2035 zu kippen. Er suggeriert damit, der Verbrenner habe mit E-Fuels noch eine Zukunft. Das mag für das ein oder andere Bestandsfahrzeug stimmen. Allein Chinas Zehnjahresplan zeigt, dass an der Elektromobilität langfristig kein Weg vorbeiführt.
Warum die Diskussion um das Verbrenner-Aus schadet
Diskussionen um ein Aus vom Verbrenner-Aus sind daher Scheindebatten. VW, Mercedes und BMW haben Milliarden in die Transformation investiert, Werke werden umgewidmet oder sind es schon. Was wäre der Plan – noch einmal zurückbauen? Der Preis wäre hoch: Nicht 35.000 Jobs wie derzeit bei VW stünden zur Disposition, sondern Hunderttausende, wie Beratungen vorrechnen.
Bei aller Häme über die verspätete Elektrokompetenz sollten die Deutschen nüchtern darauf schauen, was sie haben. Die neuen Modelle auf der IAA zeigen immerhin: Technologisch können BMW, Mercedes und VW inzwischen mithalten.
Ladegeschwindigkeit, Software-Architektur, Infotainment – all das wirkt ausgereifter als noch vor wenigen Jahren. Dazu kommen starke Marken, ein dichtes Vertriebsnetz, Vertrauen bei Kunden.
Doch es gibt einen großen Schmerzpunkt: die Kosten. Elektroautos aus Europa sind schlicht zu teuer. Und sie werden es auf absehbare Zeit bleiben. Genau hier braucht es politische Antworten. Zum Beispiel:
- Europaweit einheitliche und wettbewerbsfähige Industriestrompreise, damit mehr Batteriefabriken entstehen und das wichtigste E-Bauteil lokal gefertigt wird.
- Ein Genehmigungsrecht, das Schlüsselprojekte – etwa für den Ausbau der Ladeinfrastruktur – binnen zwölf Monaten ermöglicht.
- Eine Harmonisierung der Ladestrompreise, die heute teils willkürlich schwanken. Vor allem an öffentlichen E-Säulen.
Über Fristen, Kaufkraft und Infrastruktur kann man reden. Aber das Ziel muss klar bleiben: An der Elektromobilität führt dauerhaft kein Weg vorbei. Seltsam, dass dieser Satz im Jahr 2025 noch immer ausgesprochen werden muss. Anderswo ist er logische Konsequenz.