Kommentar: Wir verstehen unser eigenes Geldsystem nicht
Gold fasziniert immer noch.
Foto: dpaMehr als 2000 Jahre lang hat die Menschheit vor allem Gold und Silber als Währungen benutzt. Zwar wurden die Metalle in Münzen unterschiedlicher Qualität gegossen, aber letztlich blieb das Metall die eigentliche Währung.
Heute leben wir in der Fiat-Welt. „Fiat lux“ heißt in der Bibel: „Es werde Licht.“ Genauso entsteht heute Geld. Die Regierungen sagen zusammen mit ihren Notenbanken: „Es werde Geld.“ Und es wird Geld, zurzeit in riesigen Volumina zur Corona-Bekämpfung.
Diese Art von Geld hatte vor mehr als 200 Jahren der Philosoph Johann Gottlob Fichte bereits als „Landesgeld“ konzipiert. Durchgesetzt hat es sich erst seit rund einem halben Jahrhundert.
Aber haben wir uns mental auf die Fiat-Welt eingestellt? Da sind Zweifel angebracht. Die heute gebräuchlichen Währungen stoßen immer noch auf grundsätzliche Bedenken. Daraus leitet sich die Vorliebe für Gold ab.
Diese Skepsis gegenüber staatlichem Geld hat auch den Bitcoin-Boom angeschoben: Diese elektronischen Münzen haben zwar auch keinen Materialwert, aber durch die hohen Herstellungskosten trotzdem eine Art von „intrinsischem Wert“, über den weder Banknoten noch Bankguthaben verfügen.
Wer kann pleitegehen?
Dass wir mental noch im Goldzeitalter leben, zeigt sich an vielen Stellen. So gibt es die Sorge, Regierungen könnte das Geld ausgehen, obwohl die Notenbanken ihnen jederzeit welches zur Verfügung stellen können.
Auch die Tatsache, dass die Notenbanken nicht pleitegehen können, ist nicht überall bekannt. Und die Vorstellung, offene Salden im Zahlungsverkehr, die ominösen Target-2-Salden, könnten irgendwie „abgesichert“ werden, lässt anklingen, dass der Charakter des modernen Geldes immer noch unverstanden geblieben ist.
Bei einer Goldwährung ergibt das alles Sinn: Regierungen kann das Gold ausgehen, Notenbanken ebenfalls, und offene Salden können mit Gold, der eigentlichen Währung, abgesichert werden. In der Fiat-Welt dagegen ergibt das alles keinen Sinn.
Ergänzt werden diese Missverständnisse durch den Mythos der „schwäbischen Hausfrau“, nach der die Regierung langfristig nur so viel ausgeben kann, wie sie einnimmt, und nach der sie ihre Schulden irgendwann zurückzahlen muss, was die nachkommenden Generationen belastet. Beide Vorstellungen sind schief.
Wenn die Regierung weniger Geld ausgibt, brechen häufig die Steuereinnahmen ein – das ist so, als würde der sparsamen Hausfrau zum Dank das Haushaltsgeld gekürzt. Und Regierungen zahlen Verbindlichkeiten ebenso wenig zurück wie zum Beispiel Banken, sie müssen nur immer wieder neue Investoren finden.
Modern-Monetary-Theorie als Anstoß
Aus den USA kommt unter dem Kürzel MMT, „Modern Monetary Theory“, eine Theorie, die viele dieser Missverständnisse kritisiert und das zum Teil mit politischen Forderungen, etwa nach einer staatlichen Jobgarantie, verknüpft. MMT sieht sich selbst als „kopernikanische Wende“ und stellt viele Sichtweisen auf den Kopf. So heißt es zum Beispiel, dass Regierungen selbst ihr Geld herstellen und Steuern gar nicht zur Finanzierung brauchen.
Die Theorie kann man als radikal, verrückt oder innovativ bezeichnen. Bei näherem Hinschauen ist sie relativ harmlos. Sie kommt letztlich zu dem wenig überraschenden Schluss, dass Regierungen so lange Schulden machen können, bis sie damit die Inflation anheizen. Außerdem wissen ihre Vertreter, dass ihre Theorie in vollem Umfang nur in Ländern funktioniert, die Herr über die eigene Währung und wenig auf Finanzierung von außen angewiesen sind.
Tatsächlich kann MMT aber ein Anstoß sein, zu überlegen, wo wir noch in überkommenen Vorstellungen feststecken. Und den Weg frei machen dafür, den engen Zusammenhang zwischen Geld- und Finanzpolitik genauer zu analysieren.
So hat sich ja längst gezeigt, dass die Inflation, die von den Notenbanken seit Langem notorisch zu niedrig prognostiziert wird, von allen Zahlungsströmen innerhalb der Wirtschaft abhängt und zum Teil nicht ganz verstanden wird. Für die Zinsen gilt Ähnliches.
Natürlich beschäftigen sich außerhalb des relativ engen Dunstkreises von MMT auch schon viele Ökonomen mit diesen Themen. Aber das Gesamtbild, vor allem auch in der interessierten Öffentlichkeit und damit in weiten Teilen der Politik, ist doch noch von traditionellen Vorstellungen geprägt, die aus dem „goldenen Zeitalter“ stammen, das längst untergegangen ist.