Kommentar: Xi Jinpings G20-Absage ist für Indien ein Affront – aber auch eine Chance

Am Wochenende findet in New Delhi der G20-Gipfel statt.
Foto: BloombergMan hat sich daran gewöhnt, dass sich Russlands Präsident Wladimir Putin bei internationalen Gipfeltreffen seit seiner Invasion der Ukraine nicht mehr blicken lässt. Er hat gute Gründe: Schließlich gibt es gegen ihn einen internationalen Haftbefehl.
Nun will sich offenbar auch sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping nicht mehr mit westlichen Staats- und Regierungschefs an einen Tisch setzen: Das Außenministerium in Peking teilte am Montag mit, dass Chinas Nummer zwei, Premier Li Qiang am Wochenende zum G20-Gipfel der größten Industrie- und Schwellenländer reisen wird – und bestätigte damit indirekt, dass der Staats- und Parteichef Xi selbst von dem Treffen fernbleiben wird.
Für den Gastgeber Indien stellt die Entscheidung ohne Zweifel erst einmal einen Affront dar: Es ist das erste Mal, dass Chinas Staatschef bei einem G20-Gipfel abwesend ist – ausgerechnet in dem Jahr, in dem Rivale Indien den Vorsitz hat.
Die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Nachbarn dürften sich damit weiter verschlechtern. Bereits vergangene Woche hatte die Regierung in Peking in Indien mit einer neuen offiziellen Landkarte für Empörung gesorgt, die auch von Indien beanspruchte Gebiete als Teil Chinas darstellt.
Nun muss Indien fürchten, dass Xis Absage ein Vorzeichen dafür ist, dass China ein Scheitern des Gipfels in Kauf nimmt.
Kompromiss bei der Erwähnung des Ukrainekriegs nicht in Sicht
Denn sowohl Russland als auch China torpedierten bereits in den Abschlussdokumenten der G20-Treffen auf Ministerebene in den vergangenen Monaten jede kritische Erwähnung des Ukrainekriegs. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie diesen Kurs auch am Wochenende fortsetzen wollen. Indiens Versuche, einen Kompromiss zu finden, gingen bisher nicht auf.
>> Lesen Sie hier: Chinas Staatschef Xi Jinping reist nicht zu G20-Gipfel
Abgesehen vom Streit um den Ukrainekrieg vermutet man in Neu-Delhi auch, dass Xis Gipfel-Absage etwas mit Indiens Selbstinszenierung als „Stimme des globalen Südens“ während der G20-Präsidentschaft zu tun hat.
Die Volksrepublik hätte diese Rolle gern für sich, wie Xi Jinping mit seinem Auftritt beim BRICS-Gipfel in Südafrika jüngst unter Beweis stellte. Im Wettbewerb um Verbündete unter den Schwellenländern scheint er nun den großen internationalen Auftritt von Indiens Premier Narendra Modi nicht weiter aufwerten zu wollen.
Für Modi ist die Abwesenheit Xis aber gleichermaßen eine Chance. Er kann sich am Gipfel-Wochenende nun nicht nur als alleinige „Stimme des globalen Südens“ präsentieren, sondern auch als Stimme der Vernunft – als Vertreter eines Landes, das sich auch in schwierigen Zeiten nicht von seinen globalen Verpflichtungen zurückzieht.